Egal, wie lange ein menschliches Leben währt, am Ende ergibt es ein fertiges Bild. Jeder vom Schicksal ausgeführte Pinselstrich fügt sich in ein großes Ganzes, das über die Grenzen des irdischen Daseins hinausweist. So auch bei der mit 64 Jahren zu früh plötzlich verstorbenen Hartberger Pädagogin Ingrid Nerat.
Begeisterung für neue Lernformen
Die aus Gröbming stammende Tochter eines Schulleiters verschlug es in jungen Jahren berufsbedingt in die Oststeiermark, wo sie an mehreren Schulstandorten primär die Fächer Englisch und Leibesübungen unterrichtete. 2016 wurde die Mutter eines erwachsenen Sohnes mit der Leitung der Neuen Mittelschule Kaindorf betraut. In dieser Führungsposition sei sie immer, so Bürgermeister Thomas Teubl, auf Augenhöhe mit Schülern, Kollegium und Eltern gewesen. Vor allem habe sie sich für Schüler eingesetzt, die anderswo möglicherweise durch den Rost gefallen wären.
Zu den Meriten der Verstorbenen gehört auch die Einführung des sogenannten „Frei Day“ an ihrer Schule. Einmal pro Woche wird an diesem Projekttag die klassische Fächereinteilung zugunsten des freien Lernens hintangestellt. Ihre Begeisterung galt dem Entwickeln und Ausprobieren neuer Lernformen, um Strukturen aufzubrechen und den Lerneifer der Schüler zu stärken. Vor knapp drei Jahren trat sie in den verdienten Ruhestand über.
Verbesserung über Parteigrenzen hinweg
Statt in der Pension die Beine hochzulagern, nahm Ingrid Nerat ihre gesellschaftspolitische Verantwortung wahr und engagierte sich in der Kommunalpolitik ihrer Heimatstadt. Sie kandidierte bei der letzten Gemeinderatswahl für die Grünen. Insgesamt acht Monate agierte sie höchst ambitioniert als Gemeinderätin. Bürgermeister Marcus Martschitsch bescheinigt ihr Konsensbereitschaft und Realitätssinn, was zur Klimaverbesserung über die Parteigrenzen hinweg beigetragen habe. Ingrid Nerat machte sich auch für die Belebung und Attraktivierung der Innenstadt stark.
Sie war nicht jemand, der opportunistisch seine Fahne in den Wind gehängt hat, wodurch sie bis zu einem gewissen Grad auch polarisierte. Durch ihre gesellige wie joviale Art erfreute sie sich vielfach großer Beliebtheit. Nun hat das Schicksal unerbittlich den letzten Pinselstrich in ihrem erfüllten Leben ausgeführt. Es bleibt die tröstliche Erinnerung an einen Menschen, dem das Gemeinwohl ein großes, persönliches Anliegen war.