Ein mehr als zehn Zentimeter breiter Buchrücken, 1597 Seiten, gefüllt mit 738 Biographien von Personen, nach denen in Graz Straßen und Plätze benannt wurden: Das sind die eindrucksvollen Dimensionen des Endberichts jener Kommission aus Historikern und Historikerinnen, die im Auftrag der Stadt Graz alle personenbezogenen Straßenbezeichnungen unter die Lupe genommen haben. Am Mittwoch wurde der Bericht im Grazer Rathaus von Judith Schwentner sowie Stefan Karner und Barbara Stelzl-Marx präsentiert. Karner war Vorsitzender der Expertenrunde, bei der Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung liefen in den letzten Jahren die Fäden für die Finalisierung des Endberichts zusammen.
Bedenkliche und höchst bedenkliche Straßennamen
Die heikelsten Erkenntnisse hatte die 14-köpfige Runde aus Expertinnen und Experten bereits in einem ersten Bericht 2018 vorgelegt. Er listete jene 82 Grazer Verkehrsflächen auf, die aus der Sicht der Kommission die Namen von historisch bedenklichen Personen tragen. 20 davon wurden damals sogar als höchst bedenklich eingestuft. „Es ist beachtenswert, dass die Stadt Graz dieses Thema so offensiv angegangen ist“, hielt Karner am Mittwoch rückblickend fest. Auf Basis des Berichts fällte die Stadtpolitik die Entscheidung, bisher fünf Straßen umzubenennen. Zuletzt wurde aus der Dr. Karl-Lueger-Straße in Gösting die Maria-Matzner-Straße. „Eine Straßenbenennung ist immer auch eine Form der Ehrung. Und wir sehen heute, dass es Namen gibt, die eine solche Würdigung im öffentlichen Raum nicht mehr verdienen“, unterstreicht Schwentner in dem Zusammenhang. Mit den neu gewählten Namen erinnert man schwerpunktmäßig an bemerkenswerte Frauen. Derzeit tragen mehr als neun Zehntel der Grazer Straßen, die nach einer Person benannt wurden, den Namen eines Mannes. .
Endbericht mit rund 1600 Seiten und digitale Karte
Der nun vorliegende Endbericht der Kommission geht inhaltlich über den Bericht von 2018 hinaus. Er beinhaltet ausführliche Porträts aller 738 Menschen, die derzeit mit ihrem Namen im Grazer Stadtplan vertreten sind. Die Kurversionen der Biographien sind im Endbericht, aber auch auf Infotafeln zu lesen, die in den letzten Jahren Schritt für Schritt an allen Grazer Verkehrsflächen aufgestellt wurden, die nach Personen benannt sind. „Wir sind damit so gut wie fertig. Ich gehe davon aus, dass wir spätestens 2028 die vorerst letzten Tafeln aufstellen werden“, unterstrich am Mittwoch Elke Achleitner, Abteilungsleiterin des Stadtvermessungsamtes. In der Hand ihres Teams lag auch die Umsetzung eines neuen digitalen Stadtplans von Graz. Was im Bericht über die Namensgeber der einzelnen Straßen und Plätze nachzulesen ist, kann über die Karte online abgerufen werden. Zu finden sind der 1600seitige Bericht und die Karte auf graz.at/strassennamen.
Weitere Umbenennungen offen
Abseits der von den Experten herausgefilterten historisch belasteten Namen wurde kürzlich eine weitere Umbenennung im Gemeinderat beschlossen. Aus dem Hermann-Gmeiner-Weg, der nach dem SOS-Kinderdorfgründer benannt wurde, wird nach dem Bekanntwerden von Missständen bei SOS-Kinderdorf der Rosa-Wartinger-Weg. Wo man darüber hinaus mit neuen Namen ein Zeichen setzen wird und wo es bei Zusatz-Infotafeln zu den Personen bleibt, ist noch offen. „Die nächste Stadtregierung wird das zu entscheiden haben“, so Schwentner im Hinblick auf die Gemeinderatswahlen Ende Juni.