Als der Anruf des Kanzlers kam, war Ernst Gödl beim Reifenwechseln – eigenhändig, wie er betonte. Um zehn vor sieben am Montagabend fragte ÖVP-Obmann Christian Stocker seinen Sicherheitssprecher, ob er bereit sei, als Klubobmann die Nachfolge August Wögingers anzutreten. Zwanzig Minuten Bedenkzeit erbat sich der ehemalige Bürgermeister von Zwaring-Pöls bei Graz, und als er die Zustimmung seiner Frau Theresia eingeholt hatte, rief er zurück und sagte zu. Es sei trotzdem eine unruhige Nacht gewesen, erklärte Gödl an der Seite des Kanzlers am Dienstagvormittag im Parlament. Da hatten ihn die ÖVP-Abgeordneten soeben einstimmig zum neuen Klubchef gewählt. Dabei hätte er an diesem Morgen eigentlich eine seiner beiden Töchter, die zur Matura antritt, in die Schule bringen wollen.
Der Neue übernimmt das parlamentarische Steuer in der Kanzlerpartei in stürmischen Zeiten. Der Prozess und die erstinstanzliche Verurteilung Wögingers – dieser wurde mit Standing Ovations verabschiedet, bleibt aber ÖVP-Sozialsprecher und ÖAAB-Chef – wegen Anstiftung zum Amtsmissbrauch waren dafür nicht ursächlich, sondern nur ein weiterer Mosaikstein.
Als Bauernbub in Mexiko, mit Altgriechisch über Pflegeverein zum Anwalt
Gödl muss in der Dreierkoalition mit SPÖ und Neos, die sich gerade mit Ach und Krach auf die Eckpunkte eines Doppelbudgets bis 2028 und ein weiteres Konsolidierungspaket zusammengerauft hat, schwierige Kompromisse schmieden und dabei für Geschlossenheit in den eigenen Reihen sorgen. Vor allem aber fungiert der 54-jährige Steirer ab sofort als wichtigstes Gesicht der ÖVP im Parlament, mit der Lizenz – richtiger: mit der Pflicht –, zu fast jedem politischen Thema Stellung zu beziehen. Es gibt einfachere Jobs in dieser Republik. Er selbst ist zuversichtlich, den „großen Fußstapfen“ gewachsen zu sein, und auch der Kanzler streut ihm vorab Rosen.
Obwohl seit Jugend an politisch aktiv, ist Gödl bundespolitisch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Allerdings eines mit einem durchaus interessanten und abwechslungsreichen Lebenslauf. Aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof mit zwei Brüdern und Schwestern maturierte er unter anderem in Latein und Altgriechisch; zuvor hatte er ein Schuljahr im armen Süden Mexikos verbracht. Diese Zeit habe ihn geprägt, erklärte Gödl bei seiner Präsentation. Zuhause gründete er einen Jugendverein und engagierte sich politisch ohne Parteibuch. 1995 wurde er gefragt, ob er sich das Amt des Bürgermeisters zutraue – und sagte zu. Mit 23 Jahren war er da der jüngste Bürgermeister Österreichs. Die nächsten Stationen hießen steirischer Landtag (2000 bis 2010), Bundesrat (2014 bis 2017), Nationalrat (seit 2017) und bis 2025 Vizebürgermeister seiner inzwischen fusionierten Heimatgemeinde Dobl-Zwaring – das alles mittlerweile als ÖVP-Mitglied. Ein großer Fan der Gemeindezusammenlegungen war er nicht. Daneben absolvierte er ein Studium in Jus und Amerikanistik, führte den elterlichen Betrieb, leitet ehrenamtlich einen Pflegeverein und arbeitet seit 2013 in einer Grazer Anwaltskanzlei. Damit ist jetzt Schluss, als Klubobmann gilt Berufsverbot, im Gegenzug erhält Gödl ein Bruttomonatsgehalt von 16.211 Euro.
Der Klubobmann muss ein Tausendsassa sein
„Mit allen Parteien reden können, fleißig sein, die Geschäftsordnung des Nationalrats beherrschen, den Klub zusammenhalten und die eigenen Anliegen überzeugend nach außen vertreten“: So beschreibt Andreas Khol, der von 1994 bis 2002 an der Spitze der ÖVP-Fraktion stand, das Anforderungsprofil an einen Klubchef. Vor allem Letzteres muss der Neue noch beweisen. Um die Akzeptanz in der Koalition macht sich Khol dagegen keine Sorgen: SPÖ und Neos werden eine Freude haben, mit einem zusammenzuarbeiten, der sein neues Geschäft noch lernen muss.“ Unterschätzen sollte man Gödl aber nicht, ist Khol überzeugt: „Ich wurde nie einstimmig gewählt.“
Aber auch 100 Prozent Zustimmung sind in der Politik nur eine Momentaufnahme. Eine starke Hausmacht fehlt Gödl, der Mitglied beim ÖAAB und Bauernbund ist. Nicht immer ziehen beide in die gleiche Richtung. Gut ist seine Wahl auf jeden Fall für das angeschlagene Selbstbewusstsein der Steirer-ÖVP auf Bundesebene.