„Meine Mama war viel müde“, erzählt Anna (Name redaktionell geändert). Die ersten Erinnerungen an die Alkoholsucht ihrer Mutter hat die heute 20-Jährige von der Volksschulzeit. „Sie hat nach Bier gerochen, manchmal war ihre Stimme komisch.“ Damals konnte Anna die Sucht nicht richtig einordnen. Sie sprach mit niemandem darüber. Ein gut gehütetes Geheimnis.
Manchmal holte ihre Mutter sie betrunken von der Schule ab. Niemand bekam davon mit. Heute wünscht sich Anna, ihr hätte früher jemand geholfen. „Es ist wichtig, dass man hinschaut. Gerade bei Wesensveränderungen von Kindern.“ Genau zu einer solchen kam es. Nach der Trennung der Eltern.
„Eigentlich war abgemacht, dass sie es mir gemeinsam sagen“, schildert Anna, die damals 15 Jahre alt war. Doch ihre Mutter hielt sich nicht an die Abmachung und konfrontierte ihre Tochter ohne ihren Mann – noch dazu betrunken. Die Trennung setzte dem Mädchen schwer zu.
„Ich war immer ein braves Kind, ruhig, eine gute Schülerin. Dann bin ich schnippischer geworden.“ Der Klassenvorstand sprach Anna an und zum ersten Mal brach sie das Schweigen. Sie erzählte von der Trennung und von der Alkoholsucht ihrer Mutter. „Es hat sich angefühlt, als hätte ich sie verraten“, erinnert sich Anna unter Tränen. Die Lehrerin verschaffte Anna den Kontakt zur Beratungsstelle b.a.s (betrifft Abhängigkeit und Sucht).
Rund ein Jahr lang nahm Anna die Beratung in Anspruch. Sie lernte, Grenzen zu setzen, entwickelte Strategien, mit der Situation umzugehen. „Ich hab meiner Mutter gesagt, sie soll sich Hilfe holen.“ Das tat sie nicht. „Ich hab sie manchmal dafür gehasst.“
Anna ist sich bewusst, dass ihre Mutter eine Krankheit hat. Immer noch fühlt sie sich unwohl, wenn sie solche Gedanken ausspricht. Sie spricht von zwei Mamas: einer nüchternen und einer betrunkenen. „Wenn sie nüchtern war, hat sie sich entschuldigt, hat mir viele Geschenke gemacht. Hat gesagt, sie macht das nie wieder. Aber irgendwann sind Versprechen nichts mehr wert.“
Mehrmals wurde sie von ihrer Mutter enttäuscht, etwa als sie versprach, Anna von einer Freundin abzuholen und nicht auftauchte. „Sie hat gesagt, sie hat keinen Führerschein mehr.“ Dieser war ihr abgenommen worden.
Anna blieb nach der Trennung bei ihrem Vater. Er war beruflich viel unterwegs. Oft fühlte sie sich allein. Gerade deswegen ist das neue Hilfsangebot für Angehörige von Suchtkranken für sie so interessant. „Wenn jemand das nicht erlebt hat, ist es schwer es zu verstehen.“
Psychotherapeut Klaus Peter Ratz bietet die Gruppe ab Ende Mai an. Bei ihm ist Anna seit Dezember in Behandlung. Wegen Panikattacken, Schlafstörungen und weil sie Stille nicht erträgt. „Ich hab auch immer unglaublich viel für die Schule gemacht.“ Manchmal zu viel. Denn die Sucht ihrer Mutter konnte sie nicht kontrollieren. Ihre eigenen Leistungen schon.
Mittlerweile ist das Verhältnis zu ihrer Mutter besser, etwa ein Mal pro Monat sehen sie einander. „Wir telefonieren häufig“, sagt Anna.. „Angeblich trinkt sie nicht mehr, aber ich kann es nicht kontrollieren.“ Sie bezweifelt, dass ihre Mutter eine Therapie gemacht hat.
Anna ärgert, dass Alkoholkonsum in der Gesellschaft so normal ist. „Ich glaube, es geht vielen wie mir und es fällt nicht auf.“ Ihr Appell: „Schaut genau hin!“ Ein Mensch reicht, um den Stein ins Rollen zu bringen. „Hätte meine Lehrerin mich damals nicht angesprochen, hätte ich nichts gesagt.“ Anna weiß, vor ihr liegt noch ein weiter Weg. Aber: „Ich hab Hoffnung, dass es besser wird.“