Leicht könnte man sie übersehen, die vier mit Holzschindeln gedeckten Baumhäuser im Wald beim Wirtshaus Steirereck auf dem Pogusch. Kaum abgehoben vom Fichtenwald stehen drei der kühnen Türme links, einer rechts vom Weg. Gekieste Fußpfade führen zur Wendeltreppe, die sich um den schmalen Betonsockel des Gebäudes windet. Ein paar Stufen und man steht auf der hölzernen Bodenplatte des zylindrischen Holzturms, den das Werfener Architekturstudio Precht aus Fertigteilen zimmern und auf den Sockel setzen ließ.
Gemeinsam mit ihrem Mann Heinz hat sich Birgit Reitbauer 2020 in das Abenteuer gestürzt, die visionären Prototypen von Chris Precht und dessen Frau Fei Tang im nahen Wald errichten zu lassen. Die Bauzeit war zufällig mit den Corona-Lockdowns zusammengefallen, so blieb viel Zeit, sich um den Bau zu kümmern. „Wo ein Nachteil, da ein Vorteil“, erinnert sich Birgit Reitbauer an die angenehme, sehr unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem Studio Precht.
Erlebnisübernachtung im Wald: „Bert“ am Pogusch
Der Mut zum Experiment hat sich bezahlt gemacht. „Bert“, so heißt das Baumhaus, ist eine der begehrtesten Absteigen geworden, die der Pogusch zu bieten hat. „Es ist eines der ersten Zimmer, die immer gebucht sind“, erzählt Frau Reitbauer stolz und zieht daraus den Schluss: „Würden wir immer zuerst über das Risiko nachdenken, bevor wir eine Idee umsetzen, würden wir wahrscheinlich noch mit dem Leiterwagen fahren.“ Das verbinde sie mit dem Studio Precht. „Die suchen auch immer wieder etwas Neues, Innovatives.“
Was den Bauherren besonders gefallen hat: „Das Haus kommt mit wahnsinnig wenig Boden aus.“ Familie Precht habe lange Jahre in Asien gelebt, wo Boden knapp und teuer sei, erklärt sie den vorsichtigen Umgang der Architekten mit Bauland. Der Betonsockel, auf dem das Gebäude ruht, versiegelt nur vier Quadratmeter Waldboden. Darauf steckt der Holzzylinder, in dem sich 43 Quadratmeter Wohnfläche verbergen. Kreisrunde Bullaugen öffnen die querliegenden Röhren zu den benachbarten Baumkronen. Wie riesige Kanalrohre haben die Module ausgesehen, als sie von der Tischlerei angeliefert wurden, erinnert sich Birgit Reitbauer.
Vier einzigartige Baumhäuser im Steirereck-Wald
Auf dem Pogusch gibt es zwei Varianten von „Bert“. Die drei höheren Türme mit zwei Querrohren bieten Platz für je drei Gäste. Der vierte ist kürzer und ist für ein Paar ausgelegt. Im obersten Stock der höheren Türme steht das Doppelbett, das im kleineren Haus auf einer Ebene mit dem Wohnzimmer untergebracht ist. Zwischen der zentralen Nasszelle und dem Wohnbereich ist in allen Häusern Platz für die kleine Teeküche. Für den größeren Hunger muss man nur 200 Meter gehen und sitzt im Wirtshaus Steirereck am Pogusch.
Es gibt keine Vorhänge vor dem Doppelbett, also wachen die Gäste mit der Sonne auf. Vor den Schlafzimmerfenstern baumeln Vogelhäuschen. „Man glaubt gar nicht, wie sehr das die Menschen schätzen“, sagt Birgit Reitbauer. Die Hürde, das WC im Erdgeschoß aufsuchen zu müssen, störe ihre Gäste nicht. „Früher sind wir vor die Tür gegangen, auf den Hof“, erinnert sie. „Wir sind es gewohnt, dass alles extrem bequem geworden ist. Ich finde, man kann auch ein bissl fordern.“
Autarkes Wohnen dank Photovoltaik und Holzbauweise
Ökologie und Nachhaltigkeit sind den Reitbauers und den Architekten von Studio Precht wichtig. Das gesamte Gebäude ist – abgesehen vom Betonsockel und der Corian-Nasszelle – aus Holz errichtet. Die kreisförmigen Einzelteile wurden in Tischlereien vorgefertigt und mussten an Ort und Stelle nur noch zusammengesteckt werden. Photovoltaik liefert Strom, ein Holzkraftwerk ist in Bau: „Dann sind wir ganz autark“, sagt Birgit Reitbauer.
Lärchenschindeln schützen die kommunizierenden Röhren vor der Einwirkung der Witterung. Je dunkler sie werden, desto besser getarnt werden die vier „Bert“-Baumhäuser im Gehölz stehen. „Hier gehen sie fast unter im Wald“, lobt Birgit Reitbauer die Idee des Architektenpaares. „Sie sind nicht schreiend, sondern wirken wie Bäume unter Bäumen“.
Auf der Homepage der Architekten kann man sehen, wie vielfältig die „Tiny Houses“ nutzbar sind. Nebeneinandergestellt lassen sie sich zu größeren Einheiten zusammenstecken, die auch in Städten zum Einsatz kommen können. Nur die Tarnung wird im urbanen Umfeld nicht mehr funktionieren.