Immer mehr Menschen wagen den Schritt und machen sich mit einer zündenden Idee, viel Enthusiasmus oder einfach aufgrund mangelnder beruflicher Alternativen selbständig. Mittlerweile gibt es in Österreich mehr als 430.000 Ein-Personen-Unternehmen, die damit die größte Gruppe aller Rechtsformen innerhalb der Wirtschaftskammer darstellen und einen wichtigen Beitrag für das Funktionieren unserer Gesellschaft leisten. Und das, obwohl die Arbeitsverhältnisse für diese Menschen eher einer Selbstausbeutung gleichen. In Summe verdienen fünfzig Prozent der Selbständigen jährlich weniger als 11.500 Euro und tragen dabei ein immenses Risiko, denn im Falle einer Krankheit sind sie kaum abgesichert. Eine Tatsache, deren Änderung sich der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband Steiermark, SWV, aus guten Gründen auf die Fahnen geschrieben hat.
Schwerkrank arbeiten ist Normalität
Was es bedeutet, als Selbständige schwer zu erkranken, musste auch Nina Kollmann-Troy erfahren, die seit 23 Jahren ausschließlich selbstständig tätig ist. Bei ihr wurde im September 2024 Brustkrebs diagnostiziert und damit begann eine Zeit, die nicht nur körperlich und mental eine Belastungsprobe ist. „Ich hatte ja keine Ahnung, wie schwierig es ist, als Selbständige von der Sozialversicherung auch nur einen Cent zu bekommen“, erzählt sie über die Beantragung des Krankengeldes. Während sie als Angestellte unmittelbar nach der Diagnose in Krankenstand geschickt worden wäre, musste sie als Unternehmerin bis kurz vor dem Operationstermin im November weiterarbeiten. „Ich konnte es mir nicht leisten, mein Atelier zu schließen“, erzählt die Meisterin für Damenkleidermacher, die Mutter einer elfjährigen Tochter ist. „Nebenbei hatte ich aber zahlreiche Arzttermine und musste der Versicherung einen Nachweis nach dem anderen vorlegen. Anstatt mich auf meine Gesundheit zu konzentrieren, holte ich Aufträge, die wegen der vielen zusätzlichen Termine liegen geblieben waren, am Wochenende nach. Es war eine furchtbare Zeit ohne jegliche Pause.“
Sogar jetzt, da eine Chemotherapie notwendig ist, muss Kollmann-Troy weiterhin Nachweise über ihren Gesundheitszustand liefern. Die sogenannte Unterstützungsleistung bei lang andauernder Krankheit, für deren Auszahlung die Sozialversicherung der Selbständigen mehrere Wochen brauchte und die nicht automatisch monatlich erfolgt, deckt dabei ihre laufenden Kosten nicht ab. Lediglich 38,99 Euro täglich erhalten erkrankte Selbständige. Allerdings nur, wenn sie für mindestens 43 Tage komplett ausfallen. Dabei ist die Auszahlung zusätzlich auf zwanzig Wochen begrenzt und es müssen zahlreiche Fristen vor und während des Bezugs beachtet werden. Sonst fallen Erkrankte auch um dieses Geld um. Ein Zuverdienst ist in dieser Zeit nicht möglich. „Ich würde mir wünschen, dass ich die guten Tage zwischen der Chemotherapie nutzen könnte, um zumindest meinen Kundenstock aufrechtzuerhalten”, wünscht sich Kollmann-Troy. „Aufgrund der aktuellen Regelung darf ich jedoch nicht einmal das machen und muss nach der Erkrankung quasi bei Null anfangen.”
Keine Entlastung für ältere Selbständige
Auch Regina Wallner befindet sich nach 25 Jahren in der Selbständigkeit in einer prekären finanziellen Situation. Nach einem schweren Unfall, bei dem ein doppelter Knöchelbruch übersehen wurde, waren sieben Operationen notwendig. Dazu kamen weitere gesundheitliche Probleme. „Ich habe immer hart gearbeitet, hatte eine Landwirtschaft mit Reitbetrieb, habe ein Magazin herausgegeben und betreibe mittlerweile eine Werbe- und Eventmanagementagentur, aber ich bin körperlich am Ende“, beschreibt sie ihre Lage, die durch den Konkurs eines wichtigen Kunden weiter verschärft wird. „Angestellte können in Altersteilzeit gehen, wir Selbständige müssen arbeiten, bis wir umfallen.“ Derzeit wisse sie nicht, wie sie die nächsten Monate überstehen soll, doch einen Krankenstand kann sie sich nicht leisten.
SWV plädiert für bessere Absicherung
Beim Sozialdemokratischen Wirtschaftsverband ist man sich der prekären Situation der Ein-Personen-Unternehmen, auch EPUs genannt, längst bewusst. „Die Geschichten von Nina Kollmann-Troy und Regina Wallner zeigen, wie dramatisch die Lage für Selbständige ist“, sagt Karlheinz Winkler, Präsident des SWV Steiermark. „Eine schwere Erkrankung darf nicht existenzbedrohend sein – doch genau das passiert tagtäglich, weil unser Sozialsystem Ein-Personen-Unternehmen im Stich lässt. 1.170 Euro nach sechs Wochen Krankheit sind kein Schutz, sondern ein Hohn für diejenigen, die unsere Wirtschaft tragen.“
Während der temporäre Ausfall eines Geschäftsführers in größeren Unternehmen meist abgefangen werden kann, bedeutet eine Erkrankung für EPUs den vollkommenen Stillstand. Kaum eine Gruppe sei so belastet und einem solchen Risiko ausgesetzt wie diese Selbständigen, ist man sich beim SWV Steiermark sicher und fordert Krankengeld ab dem vierten Tag und eine existenzsichernde Unterstützung. Neben der schlechten Absicherung im Krankheitsfall müssen Selbständige auch immense laufende Kosten stemmen. So ist die SVS die einzige Versicherung, bei der Versicherungsnehmer:innen einen Selbstbehalt von 20 Prozent tragen müssen. Wer ohnehin schon mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, wird dadurch noch weiter belastet. „Ich hoffe, dass die kommenden Wirtschaftskammerwahlen irgendetwas in Bewegung setzen“, meint Wallner. „So kann es für uns Ein-Personen-Unternehmen nicht mehr weitergehen.”
Entstanden in Kooperation mit dem SWV Steiermark.