Die Zukunft gehört dem Bauen im Bestand

Revitalisierung von Altgebäuden statt Neubau auf der „grünen Wiese“. Bei der Kleine Zeitung Business Stage – presented by Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten – stand kürzlich dieses wichtige Zukunftsthema im Fokus.

Gerhard Springer (Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten), Herbert Gaggl (Bgm. Moosbruck), Gaby Schaunig (LH-Stv. Kärnten), Gustav Spener (Präs. ZT-Kammer), Simone Schmiedtbauer (LR Steiermark), Uwe Schwarz, ­Gernot Kupfer, Jutta Frick (alle ZT-Kammer) und Andreas Prückler (Kleine Zeitung)
© KLZ / Stefan Pajman
Gerhard Springer (Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten), Herbert Gaggl (Bgm. Moosbruck), Gaby Schaunig (LH-Stv. Kärnten), Gustav Spener (Präs. ZT-Kammer), Simone Schmiedtbauer (LR Steiermark), Uwe Schwarz, ­Gernot Kupfer, Jutta Frick (alle ZT-Kammer) und Andreas Prückler (Kleine Zeitung)

Wir leben in einer Zeit, in der das Wissen über die Begrenztheit unserer Ressourcen immer mehr ins Bewusstsein dringt. Ein zentrales Thema sind dabei der Bodenverbrauch bzw. die Bodenversiegelung, die stark reduziert werden müssen.

Der wichtigste Ansatz dazu ist das sogenannte „Bauen im Bestand“, bei dem primär bereits bestehende Gebäude (der „Bestand“) saniert, revitalisiert und fit für eine heutige Nutzung gemacht werden.

Österreich könnte mit seinem großen Gebäude-Altbestand quasi ein Mekka für Planer:innen wie Ziviltechniker:innen sein. Doch was in der Theorie nach einem „Spaziergang“ aussieht, ist in der Realität oft ein zermürbender Hürdenlauf für alle Projektbeteiligten. Hohe technische und rechtliche Anforderungen, aufwändige Behördenverfahren, unterschiedliche Rechtsauslegungen bzw. Ermessensspielräume und die damit verbundenen komplexen Bau- und Planungsprozesse sowie hohen Baukosten machen „Bauen im Bestand“ zur Herausforderung.

Genau diesem Problem widmete sich die Kleine Zeitung Business Stage presented by Kammer der Ziviltechniker:innen. Dementsprechend richtete Moderator Klaus Höfler seine erste Frage an die beiden anwesenden Landespolitikerinnen:

Ist die Expert:innen-Kritik an den bürokratischen Hindernissen für das Bauen im Bestand aus Ihrer Sicht berechtigt?

Gaby Schaunig: Ich bin überzeugt, dass es Regeln braucht, aber es braucht sinnvolle Regeln. Mir ist bewusst, dass wir Politiker:innen die Regeln für das Bauen im Bestand so gestalten müssen, dass sie einen Ermessensspielraum schaffen, der so definiert ist, dass bei höchstmöglicher Sicherheit für die Bewohner:innen auch die Bauherr:innen und Planer:innen eine wirtschaftliche Sicherheit haben.

Simone Schmiedtbauer: Auch wir steirischen Politiker:innen wissen, dass hier Handlungsbedarf besteht. Deshalb führen wir innerhalb der Koalition bereits Gespräche, um Verbesserungen und Erleichterungen umzusetzen. Die Regeln sollen einfacher werden, ohne dabei Abstriche bei der Sicherheit zu machen.

Gaby Schaunig, LH-Stv. Kärnten, zuständig u. a. für den Wohnbau: „Wir müssen zuallererst alle Möglichkeiten der Altbausanierung ­nutzen und erst dann an ­Neubauten denken.“
© KLZ / Stefan Pajman
Gaby Schaunig, LH-Stv. Kärnten, zuständig u. a. für den Wohnbau: „Wir müssen zuallererst alle Möglichkeiten der Altbausanierung ­nutzen und erst dann an ­Neubauten denken.“

Herr Gaggl, wie geht es Ihnen als Bürgermeister von Moosburg mit dem Bauen im Bestand?

Herbert Gaggl: In Moosburg gilt das Credo, so viel Bestand wie nur möglich zu renovieren und zeitgemäß nutzbar zu machen. Wir wollen mit gutem Beispiel voran gehen und Bauherr:innen ermutigen, es nachzumachen. Oberstes Ziel ist, Lösungen für Bedürfnisse zu finden und die Bauverfahren so kurz als möglich zu halten.

Herbert Gaggl, Landtagsabgeordneter Ktn, Bgm. von Moosburg: „Wir müssen als ­Vorbilder auf kommunaler ­Ebene das Prinzip ­Revitalisieren vor Neubauen ­konsequent vorleben.“
© KLZ / Stefan Pajman
Herbert Gaggl, Landtagsabgeordneter Ktn, Bgm. von Moosburg: „Wir müssen als ­Vorbilder auf kommunaler ­Ebene das Prinzip ­Revitalisieren vor Neubauen ­konsequent vorleben.“

Herr Springer und Herr Schwarz: Welche neuen gesetzlichen Regelungen würden Sie sich als Experten wünschen?

Gerhard Springer: Wir brauchen eine weitergehende gesetzliche Vereinheitlichung und Klarstellung. Wir müssen aber auch sicherstellen, dass die jetzt bereits möglichen Erleichterungen tatsächlich umgesetzt werden können. Und dass wir mit den vorhandenen Ermessensspielräumen eine höchstmögliche Rechtssicherheit für alle Beteiligten schaffen.

Uwe Schwarz: Das große Problem ist, dass viele Bauherr:innen angesichts der zahlreichen Hürden einfach ihr Projekt aufgeben. Als Beispiel seien die Checklisten bei Sanierungen genannt, bei denen wirklich alle Punkte erfüllt werden müssen – ansonsten ist das Projekt tot.

Uwe Schwarz, ZT-­Kammer, Ausschuss Architektur Kärnten: „Manche Bestandsprojekte scheitern, obwohl mit ihnen eine große Verbesserung der Bausubstanz erzielt worden wäre.“
© KLZ / Stefan Pajman
Uwe Schwarz, ZT-­Kammer, Ausschuss Architektur Kärnten: „Manche Bestandsprojekte scheitern, obwohl mit ihnen eine große Verbesserung der Bausubstanz erzielt worden wäre.“

Wie beurteilen Sie die Hierarchien der Baubehörden?

Gaggl: Ich bin überzeugt, dass die Entscheidungen beim Bauen dort getroffen werden sollen, wo die Menschen leben.

Springer: Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Wir als Ziviltechniker:innen brauchen die Unterstützung der Bürgermeister:innen, um in ihren Gemeinden Revitalisierungsprojekte erfolgreich umsetzen zu können. Und wir müssen, weil die Zeit drängt, das Beste aus dem, was wir jetzt haben, rausholen. Diese Potenziale gibt es!

Gerhard Springer, ZT-Kammer, Ausschuss Wohnbau Steiermark: „Bauen im Bestand muss der Regelfall sein, nicht die komplizierte ­Ausnahme.“
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Gerhard Springer, ZT-Kammer, Ausschuss Wohnbau Steiermark: „Bauen im Bestand muss der Regelfall sein, nicht die komplizierte ­Ausnahme.“

Wäre nicht auch eine Harmonisierung der Landesbauverordnungen sinnvoll?

Schaunig: Manche würden sicher sinnvoll sein. Aber ich sehe die politische Herausforderungen in diesem Thema ganz woanders: In den Erwartungshaltungen. Das heißt, dass man den Erfolg einer Wohnbaulandesrätin nicht an neuen Wohnbaueinheiten, sondern an der Anzahl der Sanierungen messen sollte.

Gernot Kupfer, ZT-Kammer, Ressort Zukunft Lebensraum: „Bauen im Bestand ­erfordert eine Balance zwischen Anforderungen, Wirtschaftlichkeit und sinnvollen Lösungen.“
© KLZ / Stefan Pajman
Gernot Kupfer, ZT-Kammer, Ressort Zukunft Lebensraum: „Bauen im Bestand ­erfordert eine Balance zwischen Anforderungen, Wirtschaftlichkeit und sinnvollen Lösungen.“

Was ist das Wichtigste, das Sie aus der heutigen Diskussion mitnehmen?

Schmiedtbauer: Dass wir, um das Bauen im Bestand wirklich fördern zu können, jeden Tag konsequent an neuen Verbesserungen arbeiten müssen.

Schaunig: Dass wir am Mindset arbeiten und den Wert der Sanierung über den des Neubaus stellen müssen.

Simone Schmiedtbauer, Landesrätin für Wohnbau, Steiermark: „Mein Ziel ist, sanieren vor neu bauen. Im aktuellen Budget sind mehr Mittel für Sanierungen reserviert als für Neubauten.“
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Simone Schmiedtbauer, Landesrätin für Wohnbau, Steiermark: „Mein Ziel ist, sanieren vor neu bauen. Im aktuellen Budget sind mehr Mittel für Sanierungen reserviert als für Neubauten.“

Zahlen und Fakten

• Es gibt in Österreich rund 2,4 Millionen Gebäude mit einem Durchschnittsalter zwischen 40 bis 50 Jahren.

• Fast die Hälfte der gesamten Wohnungsfläche in Österreich wurde vor 1970 errichtet. Ein großer Teil davon sind sanierungsbedürftige Nutzbauten.

• Etwa 25 Prozent der Bestandsbauten ­stammen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

• Ein hoher Prozentsatz der Bestandsbauten ist (noch) nicht revitalisiert und trägt zum hohen Leerstand in Österreich bei.

Potenziale von Bestandsgebäuden

• Bestandsgebäude stiften regionale Identität und sind nicht selten ortsbildprägend.

• Der Grundsatz „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ (Bauen im Bestand anstatt auf der „grünen Wiese“) ist heute wegen seiner wirtschaftlichen, ökologischen und städtebaulichen Vorteile fachlich weitgehend unumstritten.

• Bauen im Bestand hilft Treibhausemissionen zu reduzieren.

• Die Transformation von Altgebäuden zu einer modernen Nutzung ­verhindert Leerstand.

Erschwernisse beim ­Bauen im Bestand

• Aufwändige Behörden­verfahren

• Strenge Normen und Gesetze

• Komplexe Bau- und ­Planungsprozesse

• Hohe Baukosten

• Erwartungshaltungen an das Bauen im Bestand sind häufig unrealistisch