Herr Hansmann, ab wann ist denn ein Jungunternehmen für Sie eigentlich ein Start-up?
HANSI HANSMANN: Das ist recht eindeutig, es gibt zwei Kriterien. Eines ist Innovation. Ein Start-up hat immer ein innovatives Geschäftsmodell. Das kann bis zur Disruption gehen, wenn bestehende Geschäftsmodelle vollkommen ersetzt werden. Zweites Kriterium ist die Skalierbarkeit.

Sie haben seit 2010 mehr als 40 Investments getätigt, knapp 20 davon Lead-Investments, bei denen Sie besonders intensiv mit Start-ups zusammenarbeiten ...
HANSMANN: Mehr als 20. 25!

Wie soll das weitergehen?
HANSMANN: Ich investiere seit Jahresbeginn zunächst einmal nicht mehr. Und werde sicher dieses und nächstes Jahr keine neuen Investments dazunehmen. Schon aus Gesundheitsgründen. Ich habe ja ein Portfolio, für das man normalerweise einen Fonds mit einem Management braucht, um das zu verwalten. Ich aber bin allein. Und hab keine Struktur, kein Office, kein Papier.

Was ist das Ausschlaggebende für Sie? Wann sagen Sie Ja zu einem Investment?
HANSMANN: Nur die Gründer. Das Geschäftsmodell ist zu dem Zeitpunkt, wo ich investiere, sowieso nur rudimentär vorhanden. Das Produkt normalerweise auch. Viel, viel wichtiger ist es, die richtigen Gründer, das richtige Gründungsteam, auszusuchen.

Wie sieht ein richtiges Gründungsteam aus?
HANSMANN: Es muss die Chemie im Team passen, ich muss aber auch erkennen, dass eine Führungspersönlichkeit dabei ist. Zudem sollte das nötige Fachwissen da sein, um das Start-up aufzuziehen. Das hat in einem technischen Start-up üblicherweise ein Techniker. Es braucht einen Produktmenschen, der das Produkt total versteht. Das kann derselbe sein wie der Techniker, muss aber nicht. Einen, der überzeugen und verkaufen kann, braucht es, und wenn einer aus dem Team Ahnung von Zahlen hat, ist das hilfreich. Wobei die Zahlen am Anfang nicht so wichtig sind.

Es heißt gerne, dass ein Gründerteam vor allem dann funktioniert, wenn es heterogen ist und Frauen an Bord sind.
HANSMANN: Ich suche gezielt gemischte Gründerteams. Wenn eine Frau im Team ist, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit größer.

Glauben Sie, dass die wirklich guten Ideen in Österreich heute gefunden werden?
HANSMANN: Ja. Wenngleich die Anzahl der potenziell guten Gründer in Österreich limitiert ist.

Das heißt, die rosa Brille, die zurzeit viele Protagonisten der Szene stolz tragen, wird vielerorts bald getrübt sein?
HANSMANN: Auch wenn alles gut läuft, werden deutlich mehr Start-ups zusperren müssen, als sie erfolgreich sein können. Das wird auch bei mir so sein. Auch wenn ich bis dato fast nur Erfolge verzeichnen durfte, wage ich zu bezweifeln, dass alle 45 nachhaltige Geschäftsmodelle werden. Mein Portfolio ist ziemlich gut, aber vielleicht werden 10, 15 der Unternehmen nicht überleben.

Investor Johann "Hansi" Hansmann
Investor Johann "Hansi" Hansmann
© Ballguide Nicholas Martin

Österreich will Gründerland Nummer eins werden. Zumindest wenn man politischen Slogans Glauben schenkt. Wie weit ist das Land?
HANSMANN: Da sind wir extrem weit davon entfernt. Die Nummer eins werden wir auch nicht werden. Wobei so ein Slogan schon gut ist, um die Richtung vorzugeben. Wir haben im Vergleich mit 2010/11 einen Riesenfortschritt erzielt. In Zahlen gesprochen: Damals waren wir auf 1, jetzt sind wir auf 3 bis 4.

Und wo müssen wir, in Ihrer Zahlenreihe gesprochen, hin?
HANSMANN: Auf der Skala bis 10 wäre es gut, wenn wir 6 oder 7 erreichen würden. Leider glaube ich, dass einige europäische Städte in den letzten Jahren einen größeren Fortschritt erzielt haben.

Welche meinen Sie?
HANSMANN: In Barcelona geht viel weiter. Wir sagen ja immer, dass London der große Hub ist, dann Berlin und dann schon wir. Das stimmt überhaupt nicht. Da ist Paris, da ist München, da sind die skandinavischen Städte. Und Obacht auf die Städte östlich von Wien. Wir müssen uns viel schneller bewegen.

Auf welchen Bahnen? Was soll politisch angegangen werden?
HANSMANN: Das Start-up-Paket ist in seinen wesentlichen Bereichen noch nicht funktionsfähig. Der Investitionsbeitrag, für den wir viele Jahre gekämpft haben, ist nicht einholbar, weil es ein technisches Problem gibt. Ob das je behoben wird, weiß ich nicht. Aber selbst wenn dieses Paket funktionieren würde, wäre es nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was wir unbedingt brauchen, ist eine steuerliche Incentivierung von privatem Geld. In England kannst du einen bestimmten Betrag, den du in Start-ups investierst, von der Steuer absetzen. Wir müssten zudem administrative Hürden abbauen, um Gründer aus dem Ausland nach Wien zu lassen. Vor allem aus dem Osten, auch aus Nicht-EU-Ländern. Österreich ist als Land zu klein, um eine genügend große Anzahl an Start-ups aufzustellen, die einen großen Hub ermöglichen.

Auf eine andere Ebene gesprungen: Welche Auswirkungen wird die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt haben? Im Moment sagen alle, dass Jobs gehen und neue Stellen kommen werden.
HANSMANN: Es werden neue Jobs dazukommen. Aber nicht für die Leute, die die Arbeitsplätze verlieren.

Gelten Sie auch deswegen als Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens?
HANSMANN: Das ist ein Thema des sozialen Friedens. Wir können uns zu viele Arbeitslose nicht leisten.

Wann wird’s eigentlich ein österreichisches „Unicorn“ geben – also ein Start-up, das mehr als eine Milliarde Dollar wert ist?
HANSMANN: Man kann das nicht voraussagen. Aber es kann passieren.