An einen Zufall glauben die Wenigsten: Die zwei Ostsee-Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 meldeten binnen kurzer Zeit "beispiellose Schäden" – an einem Tag, an drei Leitungen. Entdeckt wurden zwei Lecks an Nord Stream 1 nordöstlich der zu Dänemark gehörenden und an Schwedens Südküste gelegenen Ostseeinsel Bornholm sowie eines an Nord Stream 2 südöstlich der Insel. Am Montag war in beiden Röhren ein Druckabfall festgestellt worden.

Aufnahmen der dänischen Marine zeigen eine Blasenbildung von über einem Kilometer Durchmesser an der Meeresoberfläche. Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit ergeben sich dadurch nicht, denn die umstrittene Pipeline Nord Stream 2 war im Herbst 2021 fertiggestellt worden, ging aber nicht in Betrieb. Der Gastransport durch Nord Stream 1 (seit 2011 in Betrieb) war nach den Sanktionen gegen Russland von Gazprom zuerst eingeschränkt, dann eingestellt worden.

Russland fordert Sondersitzung

Russland fordert wegen der Lecks an den Nord-Stream-Gaspipelines eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats. Der Kreml wies zudem am Mittwoch ukrainische Vorwürfe einer angeblichen Verantwortung Russlands für die Lecks an den Pipelines als "dumm und absurd" zurück. Aber auch Washington reagierte auf Andeutungen Moskaus, die USA könnten in die Vorfälle verwickelt sein. Derartige Aussagen seien "lächerlich", hieß es.

Die russische Generalstaatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen internationalen Terrorismus ein. Moskau begründete den Schritt damit, dass mit der Beschädigung der Pipelines "Russland erheblicher wirtschaftlicher Schaden zugefügt" worden sei.

Kremlsprecher Dmitri Peskow forderte zur Aufklärung der Vorfälle eine Beteiligung Russlands. Die UNO-Sitzung werde für Donnerstag erwartet, teilte der Vizechef der russischen UN-Vertretung in New York, Dmitri Poljanski, am Mittwoch auf seinem Telegram-Kanal mit. Auch die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärte, Russland wolle im Zusammenhang mit den "Provokationen" um die Ostsee-Pipelines eine Sicherheitsratssitzung beantragen.

EU droht mit Gegenmaßnahmen

Im Westen wuchs unterdessen die Überzeugung, dass die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 auf einen Sabotageakt zurückzuführen sind. Die EU droht mit Gegenmaßnahmen. "Alle verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass diese Lecks das Ergebnis einer vorsätzlichen Handlung sind", erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Mittwoch im Namen der 27 Mitgliedstaaten. Jede vorsätzliche Störung der europäischen Energieinfrastruktur werde mit einer "robusten Reaktion beantwortet".

Die EU-Kommission hat nun auch einen Vorschlag für ein weiteres Sanktionspaket gegen Russland wegen der Invasion in die Ukraine vorgelegt. Das Paket enthalte unter anderem die Rechtsgrundlage für einen Preisdeckel für Ölimporte aus Russland sowie weitere Importbeschränkungen im Wert von sieben Milliarden Euro, sagte Kommissionschefin Ursula von der Leyen am Mittwoch in Brüssel. Nun müssen die EU-Staaten über den Vorschlag beraten und einstimmig darüber entscheiden.

"Wir sind entschlossen, den Kreml für die erneute Eskalation büßen zu lassen", sagte von der Leyen in Hinblick auf die Scheinreferenden in der Ukraine.

Das Satellitenbild zeigt Leck von Nord Stream 2
Das Satellitenbild zeigt Leck von Nord Stream 2
© APA/AFP/2022 Planet Labs PBC/HAN

Folgen fürs Klima

Anders als bei vergleichbaren Öl-Unfällen dürfte der massive Gasaustritt für die Umwelt und die Meereslebewesen keine großen Auswirkungen haben, heißt es seitens der Deutschen Umwelthilfe. Etwas anders verhält es sich bei den längerfristigen Folgen in Bezug auf den Klimawandel. Laut Berichten befinden sich im Inneren der beiden Pipelines jeweils rund 155 Millionen Kubikmeter Erdgas. Dieses wiederum besteht in erster Linie aus Methan - einem Gas, das auf 20 Jahre gerechnet 84 Mal klimawirksamer ist als Kohlendioxid (CO₂). "Nach unseren Berechnungen dürfte das Gasleck den Treibhausgasemissionen Dänemarks innerhalb von acht Monaten entsprechen", schreibt Greenpeace-Nordic-Direktor Mads Flarup Christensen auf Twitter. Auf rund 30 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent könnten sich die durch die Lecks austretenden Treibhausgasmengen demnach summieren. Das entspricht etwa jener Menge, die Österreich binnen fünf Monaten ausstößt. "Das zeigt erneut, warum wir in einer Klimakrise nicht auf fossiles Gas setzen sollten", schreibt Christensen.

"Energiesicherheit robuster machen"

Borrell nannte in der Erklärung keinen Verdacht, wer hinter einem möglichen Sabotageakt stecken könnte. Der Spanier sagte jedoch, dass man über die Schäden an den Pipelines sehr besorgt sei. "Diese Vorfälle sind kein Zufall und gehen uns alle an." Man werde jede Untersuchung unterstützen, die darauf abziele, Klarheit über die Vorgänge zu erlangen. Zudem werde man Schritte unternehmen, um die Energiesicherheit robuster zu machen.

"Vorsätzliche Angriffe"

Auch Lettlands Außenminister Edgars Rinkevics verurteilte die "vorsätzlichen Angriffe" auf die Gasleitungen. "Die Sabotage an den Pipelines Nordstream I und II muss als schwerwiegendster Sicherheits- und Umweltvorfall in der Ostsee eingestuft werden", twitterte er in der Nacht auf Mittwoch. "Es scheint, dass wir in eine neue Phase des hybriden Krieges eintreten." "Die NATO und die EU sollten dies ernst nehmen und entsprechend reagieren", schrieb er nach einem Telefonat mit seinem dänischen Amtskollegen Jeppe Kofod zu den Ermittlungen.

Nato spricht von Sabotage

In einem Gespräch mit dem dänischen Verteidigungsminister Morten Bødskov sei es um "die Sabotage" der Pipelines gegangen, schrieb Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg auf Twitter. Zudem hätten sie über den Schutz der kritischen Infrastruktur in den NATO-Staaten gesprochen.

Bødskov sagte in Brüssel, da so viel Gas in den Leitungen sei, könne es eine oder zwei Wochen dauern, bis ausreichend Ruhe in dem Gebiet eingekehrt sei, um die Lecks in etwa 80 Metern Tiefe untersuchen zu können. Er betonte, dass sich die Vorfälle in internationalen Gewässern ereignet hätten und es sich nicht um kritische Infrastruktur seines Landes handle. Die insgesamt drei Lecks befinden sich dort in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens.

Nach den Worten von Schwedens Außenministerin Ann Linde stellen die mutmaßlichen Sabotage-Akte jedenfalls keinen Angriff auf ihr Land dar. "Dies ist kein Angriff auf Schweden, weil es nicht in unserem Territorium passiert ist." Sie fügte hinzu, ihr US-Kollege Antony Blinken habe seine Unterstützung dabei angeboten, herauszufinden, was passiert sei.

"Gezielter Anschlag auf Infrastruktur"

In Polen, Deutschland, Russland und Dänemark hält man einen gezielten Anschlag auf die europäische Gasinfrastruktur für denkbar. Man wissen, dass es „wirklich Attacken auf die Infrastruktur gegeben hat“, sagte der deutsche Vizekanzler Robert Habeck. Laut der dänischen Regierungschefin Mette Frederiksen seien die Behörden zur eindeutigen Bewertung gekommen, dass es sich um „absichtliche Taten handle und nicht um ein Unglück“. Auch Schwedens Regierung geht von Sabotage aus.

Kreml: Vorwürfe sind "dumm"

Kreml-Sprecher Dmitry Peskow bezeichnet die Sabotage-Vorwürfe als "dumm". Was genau an den Pipelines passiert sei, wisse Russland derzeit auch nicht. Die Vorfälle müssten aufgeklärt werden. Russland habe kein Interesse daran, dass die Pipelines ausfielen und auch Europa nicht. Wann die Röhren repariert seien, könne er nicht sagen. Zugleich verweist Peskow auf große Gewinne, die US-Firmen mit Gaslieferungen nach Europa machten.

Von der Leyen: "Stärkstmögliche Reaktion"

Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von Sabotage. Sie habe mit Frederiksen über "den Sabotageakt" gesprochen, schrieb von der Leyen Dienstagabend im Onlinedienst Twitter. Es sei nun von größter Bedeutung, die Vorfälle zu untersuchen, um "vollständige Klarheit" über die Geschehnisse und den Hintergrund zu erhalten. "Jede absichtliche Störung von aktiver europäischer Energieinfrastruktur ist inakzeptabel und wird zu der stärksten möglichen Reaktion führen", warnte die Kommissionspräsidentin.

Die Pipelines sind so verlegt, dass eine gleichzeitige Beschädigung mehrerer Leitungen, etwa durch einen Schiffsunfall, „höchst unwahrscheinlich“ ist, erklärte Nord-Stream-Sprecher Ulrich Lissek. Messstationen in Schweden und Dänemark verzeichneten vor Entstehen der Gaslecks kräftige Detonationen durch Sprengungen oder Explosionen unter Wasser. Es bestehe kein Zweifel daran, dass es sich um Sprengungen oder Explosionen handle, so Seismologe Björn Lund.

"Auftrieb" an den Börsen

Die Lecks sorgen für Auftrieb bei den Gaspreisen: Der Preis für TTF-Terminkontrakte – die Richtschnur für Gaspreise am europäischen Erdgasmarkt –, zuletzt im Sinkflug, kletterte am Dienstag gegenüber dem Vortag um bis zu 19 Prozent in die Höhe. 

Nicht nur Behörden in Dänemark und Deutschland untersuchen die Vorfälle, auch die Nato. In Dänemark und Schweden wurden am Dienstag Krisenstäbe einberufen. Bei einem Anschlag komme angesichts des damit verbundenen technischen Aufwandes nur staatliche Akteure infrage.

Die neue Gaspipeline Baltic Pipe wurde am Dienstag symbolisch eingeweiht
Die neue Gaspipeline Baltic Pipe wurde am Dienstag symbolisch eingeweiht
© APA/AFP/STRINGER

Neue Pipeline in Betrieb genommen

Womöglich nur Zufall: Parallel zur Suche nach der Ursache für die Gaslecks eröffnete am Dienstag im polnischen Goleniow eine "Abzweigung" der bestehenden Pipeline-Trasse Europipe II. Diese führt von Norwegen durch die Nordsee nach Niedersachsen. Durch die neue Baltic Pipe kann norwegisches Erdgas nach Osten transportiert werden. "Dieser Tag markiert einen entscheidenden geopolitischen Schritt für uns alle", erklärte Frederiksen bei der Einweihung der Kompressorstation. "Die Ära der russischen Vorherrschaft beim Thema Gas geht zu Ende – eine Ära, die von Erpressung, Drohungen und Zwang geprägt war", sagte Polens Morawiecki.

Durch die 1,6 Milliarden Euro teure Leitung soll ab 1. Oktober Gas fließen. 2024 sollen bereits 7,5 Milliarden Kubikmeter Gas so nach Polen kommen.