Die Mehrfach-Krisen und das Auslaufen staatlicher Coronahilfen haben die Zahl der Firmenpleiten im Halbjahr deutlich nach oben schnellen lassen. Die Firmeninsolvenzen sind um 121 Prozent auf 2429 Verfahren gestiegen und haben damit annähernd das Vorkrisen-Niveau von 2019 erreicht. Das zeigen endgültige Zahlen des Gläubigerschutzverbandes Creditreform. Die Privatinsolvenzen legten um mehr als ein Drittel auf über 4700 Verfahren zu. Das Vorpandemie-Niveau werde gegen Jahresende erreicht.

"Österreich steht erst am Beginn einer Zeit steigender Privatinsolvenzen und ein Ende ist nicht in Sicht", sagte Creditreform-Chef Gerhard Weinhofer am Montag. Angesichts der Konjunkturaussichten aufgrund der "Polykrisen" – Lieferkettenprobleme, Ukraine-Krieg, Inflation, Gefahr einer Stagflation, nicht ausgestandene Pandemie – werde mit neuen Rekorden bei der Zahlungsunfähigkeit privater Personen in den kommenden Jahren zu rechnen sein, so Weinhofer.

Stärkster Zuwachs in Niederösterreich

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Kärnten stieg um 109 Prozent auf 115, in der Steiermark um 73,6 Prozent auf 257. Den stärksten Zuwachs verzeichneten Niederösterreich (+188,7 Prozent), Vorarlberg (+168,4 Prozent) und Oberösterreich (+159,4 Prozent). Die höchste Insolvenzbetroffenheit herrschte in Wien mit zehn Insolvenzen pro 1000 Unternehmen, die geringste in Vorarlberg mit drei von 1000 Unternehmen. Österreichweit mussten rund sieben von 1000 Unternehmen einen Insolvenzantrag stellen.

Gerhard Weinhofer
Gerhard Weinhofer
© Creditreform

"Coronablase löst sich nur langsam auf"

Auch Unternehmen sind mit diesen Krisen konfrontiert. "Viele Klein- und Mittelunternehmen, die durch die Pandemie getragen wurden, haben nun keine Luft mehr und müssen aufgeben", räumte Weinhofer ein. Das Ende der Fahnenstange sei aber noch nicht erreicht, da sich die "Coronablase" nur langsam auflöse.

In manchen Branchen Pleiten verdreifacht

Im Bereich Kredit- und Versicherungswesen haben sich die Firmeninsolvenzen im Halbjahr fast verdreifacht (plus 186 Prozent). Starke Anstiege gab es auch im Handel (plus 131 Prozent) und im Transportwesen (plus 128 Prozent). Die meisten Insolvenzanträge verzeichneten der Handel, die Dienstleistungen und das Bauwesen. Die größte relative Insolvenzbetroffenheit herrschte im Transportwesen mit fast 20 von 1000 Branchenunternehmen. Damit sei erstmals das Bauwesen als die am meisten gefährdete Branche abgelöst worden.

Gründe für Privatinsolvenzen

Bei den Privatkonkursen sind Jobverlust, eine gescheiterte Selbstständigkeit sowie sorgloser Umgang mit Geld die häufigsten Insolvenzursachen. Die Durchschnittsverschuldung liegt bei rund 60.000 Euro. Im laufenden Jahr dürfte es zu einer Rückkehr auf das Vorpandemie-Niveau von rund 9000 Privatinsolvenzen kommen, erwartet der Gläubigerschutzverband.

Der Bundesländer-Vergleich zeigt den stärksten Zuwachs in Tirol (+65,3 Prozent), gefolgt von Oberösterreich (+56,4 Prozent) und Niederösterreich (+54,4 Prozent). In der Steiermark beträgt das Plus 53,5 Prozent, in Kärnten 25,6 Prozent. Jeder dritte Privatkonkurs ereignet sich in Wien.