Seit Anfang Jänner 2021 ist der Ökonom Martin Kocher Arbeitsminister in der türkis-grünen Koalition. Und genauso lange sucht seine vormalige Wirkungsstätte, das Institut für Höhere Studien in Wien (IHS), nach einem neuen Chef.

Als eines der beiden großen Wirtschafts- und Sozialforschungsinstitute der Republik neben dem Wifo bündelt das IHS Kompetenz in Disziplinen, die die Politik immer wieder als Entscheidungsgrundlagen heranzieht – neben Prognosen über die Konjunktur fällt darunter etwa Forschung in Bereichen wie Gesundheitsökonomie oder Bildungswissenschaft. Die noble Unterkunft im Palais Strozzi in der Wiener Josefstadt mit mehr als 150 Mitarbeitern ist in Gehweite zum Who’s who der österreichischen Öffentlichkeit.

Favorit kam doch nicht

Aber die Suche nach einem Nachfolger für Kocher gestaltet sich überaus schwierig. Mitte 2021 stand der ehemalige Chef der deutschen Wirtschaftsweisen, Lars Feld, als Favorit und designierter IHS-Chef fest. Feld sagte im Endspurt der Verhandlungen Anfang Februar aber ab.

INSTITUT FUeR HOeHERE STUDIEN (IHS): LARS FELD
Favorit und monatelang designierter IHS-Chef: Lars Feld sagte ab
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Nicht still und leise, sondern auch per E-Mail an interessierte Journalisten: Zu sehr sei das IHS von seinen Geldgebern abhängig (vor allem der Nationalbank), zu viele Umstrukturierungen der historisch gewachsenen Struktur seien notwendig. Dass inzwischen bekannt geworden war, dass Chat-Persönlichkeit Thomas Schmid als Generalsekretär im Finanzministerium IHS und Wifo nach Kritik an einer geplanten Steuerreform mit Drohungen „auf Linie bringen“ wollte, dürfte die Attraktivität des Postens auch nicht gesteigert haben. Das IHS (Jahresbudget 10 Millionen Euro) finanziert sich zu 40 Prozent durch OeNB und Finanzministerium und erwirtschaftet den Rest durch Auftragsforschung. 2023 stellt die OeNB die Finanzierung für Wirtschaftsforschung neu auf.

Posse um die Uni Wien

Auch der nach Feld von IHS-Präsident Franz Fischler präferierte Chef des Brüsseler Thinktanks Bruegel, Guntram Wolff, winkte ab und zog vor, stattdessen die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik zu leiten.

Um die Stelle attraktiver zu machen, kündigte Fischler zuletzt einen „historischen Schritt“ an: Der IHS-Leiter werde gleichzeitig eine Professur an der Uni Wien bekommen. Sowohl Feld als auch Wolff und zuvor Kocher hatten diese zur Bedingung für den IHS-Chefposten gemacht. Nur war dieser „historische Schritt“ alles andere als trittsicher.

Das zuständige Institut für Volkswirtschaftslehre an der Uni Wien war alles andere als begeistert: „Wenn eine Professur ausgeschrieben wird, wird ein autonomes Berufungsverfahren nach universitären Standards durchgeführt“, so eine Sprecherin der Uni. Das Junktim mit der IHS-Stelle gibt es nicht und musste hochnotpeinlich innerhalb von zwei Tagen zurückgezogen werden. Womit die Chefsuche wieder bei null beginnt und durch die Pannenserie nicht einfacher geworden ist. Zuletzt wurde – aber nur als Interimschef – Martin Wagner genannt. Der Wirtschaftsprofessor der Uni Klagenfurt ist auch IHS-Ökonom. Als Alternative gilt der Wiener Klaus Neusser, er emeritierte 2019 als Professor der Uni Bern.

INTERVIEW: FRANZ FISCHLER
Glücklos bei der Suche: IHS-Präsident Franz Fischler
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