Das Homeoffice hat in der Coronapandemie einen radikaleren Absturz der Wirtschaft verhindert. Zu diesem Schluss kommt das Beratungsunternehmen Deloitte in einer Studie. Ist das Homeoffice eine Erfolgsgeschichte?
KLAUDIA BRANDSTÄTTER: Homeoffice im Besonderen und Teleworking generell - der Unterschied besteht darin, dass man beim Teleworking von überall arbeiten darf - sind wertvolle Instrumente. Für Unternehmen und für Mitarbeiter. Corona hat uns allen - auch mir persönlich - gezeigt, dass Arbeit AUCH aus der Ferne gelingen kann. Homeoffice wird in vielen Betrieben stark genützt. Im Sommer, als man sich treffen hätte können, haben manche dennoch auf Online-Meetings gesetzt. Man hat offenbar Vorteile wie Flexibilität und Zeitersparnis erkannt.

Aktuell gilt in Österreich wieder die Empfehlung, Homeoffice zu nutzen. Haben manche nicht schon genug davon?
BRANDSTÄTTER: Im Vorjahr war noch Skepsis da. Wird da auch wirklich gearbeitet? Oder aus der Sicht der Mitarbeiter: Muss ich immer erreichbar sein, damit niemand auf die Idee kommt, dass ich Zeit verplempere? Das hat sich nicht bestätigt. Es ist aber wichtig, zu evaluieren, ob und wie Teleworking für einen Betrieb geeignet ist. Ich habe im Vorjahr viele Workshops gegeben, in denen es um Selbst- und Arbeitsorganisation im Homeoffice ging und um Führen auf Distanz. Meine Empfehlung: Führungskräfte sollten das Thema proaktiv aufgreifen und ihre Mitarbeiter auch einmal fragen, wie es ihnen im Homeoffice geht. Es macht Sinn, eine Kernüberschneidungszeit festzulegen. Und vielleicht auch einmal eine Teamklausur organisieren, um etwa zu klären, wie man mit dem Thema Erreichbarkeit umgeht. Kreative Homeoffice-Lösungen können eine Teamchallenge sein. Mir ist in Erinnerung, dass eine Frau ihren Bügeltisch übergangsmäßig als Schreibtisch verwendet hat, weil er höhenverstellbar ist.

Klaudia Brandstätter
Klaudia Brandstätter
© Arnold Pöschl

Homeoffice braucht Reflexion?
BRANDSTÄTTER: Ja. Auch, weil dadurch mehr schriftlich kommuniziert werden muss. Stichwort: E-Mail-Flut. Das wiederum birgt Missverständnisse. Man denke nur daran, dass der eine etwas schnell hinschreibt und der andere das in die falsche Kehle bekommt, weil er ja die Mimik und Gestik dazu nicht sieht. Hier ist es wichtig, sofort nachzufragen, damit es bereinigt werden kann. Zum Beispiel: „Ich interpretiere das so und so. Stimmt das?“ In diesen Fällen würde ich das Gespräch bevorzugen. Unternehmen sollten überlegen bzw. festlegen, wie man sich im Betrieb schriftlich verständigt.

Wir sprechen gerade über Teams und können uns sehen. Wie wichtig ist der Gesichtsausdruck bei Onlinemeetings?
BRANDSTÄTTER: Es ist schwer, bei einem Onlinemeeting produktiv zu sein, wenn man nur Namen und kein Gesicht sieht. Alleine als Anerkennung für den Kollegen, der spricht. Ihm nickend, lächelnd zu vermitteln: Hej, das machst du gut. Es bringt aber auch nichts, 100 Gesichter zu sehen.  Ein Vorschlag, der sich in vielen Betrieben bewährt hat: Einmal die Woche verpflichtend ein Meeting mit Bild.

Die Grenzen zwischen Arbeit und Zuhause verschwimmen.
BRANDSTÄTTER: Darum ist es wichtig, einen Rahmen einzuhalten, denn unser Gehirn braucht Struktur. Es muss wissen: „Jetzt bist du in der Arbeit.“ Das funktioniert nicht, wenn ich mich im Pyjama vor den Laptop setze. Darüber hinaus sollte man Inseln der Wichtigkeit einplanen, in denen man ungestört ist. Bzw. einen Arbeitsplan für jeden Tag erstellen. Und sich schon am Vorabend überlegen: Was werde ich morgen erledigen? Es hilft auch, die Arbeit bewusst zu beenden, indem man sich umzieht, oder nach kurz spazieren geht, um dann „nach Hause“ zu kommen.

Kann man eine Plauderei beim Kaffeeautomaten denn ersetzen?
BRANDSTÄTTER: Bei Kaffeepausen entstehen kreative Ideen, sie sind nicht auf Dinge begrenzt, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Man kann aber Online-Foren für Small Talk unter Kollegen einrichten, die dem nahe kommen. Auch mit Führungskräften, die in solchen Foren aber keine Arbeitsaufträge erteilen sollten. Selbstverständlich soll und darf man im Homeoffice Pausen machen, sollte sich aber überlegen, wie man die Abwesenheit signalisiert. Ich empfehle, mit einem Timer zu arbeiten und sich Auflockerungen einzuplanen: zum Lüften, zum Kaffeetrinken.

Wann geht es ins Büro zurück?
BRANDSTÄTTER: Ich bin überzeugt, dass Formen der Telearbeit bleiben werden. Es ist eine Bereicherung für die Arbeitswelt, die ohnehin einem Wandel unterliegt. Neben der Digitalisierung wird sie von Flexibilisierung und Selbstbestimmung geprägt. Flexible Arbeitszeiten und flexible Arbeitsorte sind eine wichtige Motivationsform.

Nicht alles passt für alle. . .
BRANDSTÄTTER: Die individuellen Vereinbarungen bzw. Verträge sind eine Herausforderung. Wenn etwa der Arbeitnehmer hauptsächlich von zu Hause arbeitet, braucht der Arbeitgeber ihm kein eigenes Büro mehr zur Verfügung zu stellen, sondern nur noch einen Schreibtisch in einem Shared Office. Am Ende sollte eine gesunde Mischung herauskommen. Ich glaube daher à la longue an hybride Lösungen.