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Kapsch-Manager Borenich"4 von 10 Firmen sehen keinen Bedarf für eine digitale Agenda"

Digital-Vordenker Jochen Borenich sieht die Wirtschaft im Wandel: Die datengetriebene Informationsgesellschaft löst die Ära der Datenjäger und -sammler ab.

Jochen Borenich © ©helgebauer
 

Sie sind seit fast zehn Jahren im Vorstand von Kapsch BusinessCom. Wie sehr veränderte der technologische Wandel Ihr Aufgabenfeld?

JOCHEN BORENICH: Wir haben uns enorm weiterentwickelt. Allein im letzten Jahr ist das Unternehmen um mehr als 100 Mitarbeiter organisch gewachsen. Ergänzt wurden vor allem die Bereiche Software-Entwicklung, Business Development und Security, wo wir im letzten Jahr etwa ein eigenes Cyber Defense Center etabliert haben. In meiner Rolle als Vorstand muss ich den Wandel natürlich auch vorleben.

Welche neuen Geschäftsfelder und -modelle eröffnen sich durch die Digitalisierung?

Das Schöne an unserem Geschäftsmodell ist, dass sich aus technischen Problemen oft neue Geschäftsfelder ergeben. Heuer lag unser Fokus insbesondere auf Artificial Intelligence und Big Data. In traditionellen Industrien kommt künstliche Intelligenz beispielsweise in der Fertigung zum Einsatz, um Ausschuss zu reduzieren und Durchlaufzeiten zu optimieren. Ein relativ neues Geschäftsfeld ist die Gesundheitsbranche. Dort kommen immer mehr Artificial Intelligence- und Big Data-Lösungen zum Einsatz. Einerseits, um Ärzte zu entlasten, andererseits, um Patientendaten genauer zu erfassen.

Sie arbeiten sogar an Möbel?

Ja, gemeinsam mit Sedus haben wir intelligente Büromöbel mit eingebauter Sensorik entwickelt, die einen großen Nutzen für Unternehmen, Mitarbeiter und Facility Manager bieten. Wir vermarkten die Lösung dann als IT-Anbieter und Sedus als Büromöbelhersteller – so profitieren beide.

Sie gelten als digitaler Vordenker: Welche Innovationen beschäftigen Sie am meisten?

Wir befinden uns gerade auf dem Weg in die „data-driven- economy“. Dabei ist der Weg unserer Wirtschaft zur datengetriebenen Wirtschaft vergleichbar mit unserer Entwicklung in der Vergangenheit: Der Wandel von einer Gesellschaft der Jäger und Sammler hin zur sesshaften Landwirtschaftsgesellschaft. Die sesshafte Landwirtschaft sorgte dafür, dass wir systematisch und auf effiziente Weise lernten, die Natur für uns arbeiten zu lassen.

Das Unternehmen

Kapsch BusinessCom ist Teil der Kapsch-Gruppe und betreut mit 1330 Mitarbeitern als Digitalisierungspartner 17.000 Kunden. Im letzten Geschäftsjahr erzielte Kapsch BusinessCom rund 380 Millionen Euro Umsatz.

Jochen Borenich ist Chief Operating Officer. Er verantwortet Vertrieb, Marketing und Internationales.

Welche Veränderungen sind jetzt notwendig?

Ohne Wandel zur datengetriebenen Informationsgesellschaft werden wir nicht in der Lage sein, unsere Unternehmen und Gesellschaft mit notwendigen Informationen und Wissen zu versorgen, um so Versorgung und Wachstum zu sichern. Wenn heute ein Arzt seinen Patienten auch nur ansatzweise ganzheitlich betrachten möchte, muss er auf „Jagd“ nach Informationen gehen und diese aus unterschiedlichsten Daten „sammeln“. Wenn wir auch in Zukunft Spitzenmedizin für alle realisieren möchten, müssen wir Ärzten ein technologisches Umfeld zur Verfügung stellen, das dieses Jagen und Sammeln unnötig macht. Ärzte müssen über AI-Engines mit Erkenntnissen und Informationen zielgenau und automatisiert versorgt werden.

Sind die Fabriken der Zukunft menschenleer?

Die Digitalisierung wird, genauso wie die Industrialisierung, die Fabriken nicht menschenleer machen. Was allerdings passieren wird, ist, dass sich die Aufgaben verändern. Ein Fabrikmitarbeiter, der noch regelmäßig Maschinen überprüfen musste, bekommt Sensordaten jetzt automatisch. Die Mitarbeiter werden so immer mehr zum Supervisor. Mit Hilfe der eingebauten Sensorik kann während des Produktionsprozesses die Qualität der Ware festgestellt werden. Auch für den betroffenen Mitarbeiter kann das von Vorteil sein: Teilweise schwere oder monotone Arbeiten auf der Produktionsebene verlagern sich zu Wissenstätigkeiten mit digitaler Unterstützung.

Sie begleiten Unternehmen bei deren digitaler Transformation – wie ist es um die österreichischen Unternehmen dabei bestellt?

Digitalisierung wird in österreichischen Betrieben häufig nicht ganzheitlich gedacht. Viele betrachten die IT als abgekapseltes System, das ‚laufen‘ muss und damit ist das Thema Digitalisierung abgehakt. Eine Umfrage unter österreichischen Unternehmen hat gezeigt, dass 39 Prozent keinen Bedarf für eine digitale Agenda sehen.

Scheuen heimische Unternehmen das Neue?

Die größte Herausforderung in Österreich ist wohl, dass es keine ausgeprägte Risikokultur gibt – im Vergleich sind auch die Konkursraten bei österreichischen Unternehmen wesentlich geringer als in sehr innovativen Marktwirtschaften. Außerdem frisst oft die laufende IT Budgets auf, die für Digitalisierungsprojekte genutzt werden könnten. Zudem haben wir festgestellt, dass Unternehmen sich gerne auf das Bestehende fokussieren.

Europa ist bei vielen Themen der Digitalisierung gegenüber den USA und China ins Hintertreffen geraten. Sind wir wirklich so schwach oder fehlt es hier an europäischem Selbstbewusstsein?

Es gibt definitiv noch Aufholbedarf. Es mangelt in Europa vor allem an Investitionsbereitschaft. Daraus resultiert, dass man Wege lieber in kleineren Schritten geht und Projekte sich langsam, aber stetig weiterentwickeln. Das ist ein guter Nährboden für inkrementelle Innovationen, aber leider nicht für Disruptionen.

IT-Systeme stehen unter „Dauerbeschuss“ von Hackern. Sie setzen sogar eigene Hacker ein, um Sicherheitslücken zu stopfen?

Wir müssen den kriminellen Hackern immer einen Schritt voraus sein. In unserem Cyber Defense Center sitzen daher die Gegenspieler: Verteidiger, Blue Team, und Angreifer, Red Team. Wie wir genau vorgehen, können wir natürlich nicht verraten, nur soviel: Wir vereinbaren mit unserem Kunden einen Angriff auf sein IT-System in einem bestimmten Zeitraum. Da geht es nicht nur um Daten-Hacks. Wir prüfen auch, ob man sich als falscher Mitarbeiter Zutritt zum Gebäude verschaffen kann. Mit diesen Maßnahmen sorgen wir für Sicherheit in rund einem Drittel der österreichischen Unternehmen.

Bei Kapfenberg betreibt Kapsch eine unterirdische Anlage namens „earthDATAsafe“ in einem Stollen. Wie sicher ist das Rechenzentrum wirklich?

Sehr sicher. Es beherbergt IT-Infrastruktur und Cloud-Lösungen. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen sind die Server in einem Stollensystem aufbewahrt und dort gegen unbefugten Zugriff und elektromagnetische Störsignale sowie Stromausfälle geschützt. Das Stollensystem reicht 320 Meter tief in den Berg hinein und ist mit bis zu 150 Meter hohem Gestein geschützt. Auf 900 Meter Stollenlänge wurden acht Sicherheitszonen errichtet.

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