Der Bau lag ihm in den Genen, schon als kleiner Bub fand er Baustellen faszinierend: „Große Geräte, Lärm und Action“, gestand Klemens Haselsteiner kurz vor seiner Berufung zum CEO der Strabag im Jänner 2023 in einem Interview mit der Kleinen Zeitung. Heute gefalle ihm, dass es „um reale Produkte geht, wir schaffen Handfestes. Sachen, die über Jahrzehnte Gesellschaft und Stadtbild beeinflussen. Und es sind die Menschen, die am Bau arbeiten. Man muss ein bisschen verrückt sein, sich das anzutun: Unsere Projekte sind komplex, immer ein Unikat, man ist bei Wind und Wetter draußen, es wird nie langweilig. Entsprechend sind die Menschen: Wir haben keine Zeit, um den heißen Brei herumzureden.“

Eloquent und konsequent

Aus einem der größten Baukonzerne Europas, erschaffen aus einem Kärntner Nukleus in Spittal, einen führenden globalen Player im Bau-Business zimmern: Diese Mission verfolgte Klemens Haselsteiner ebenso eloquent und konsequent. Erst jüngst ließ der 44-Jährige mit dem klingenden Namen, der ihm nicht zur Bürde wurde, mit bemerkenswerten Projekten, Zukäufen und Zahlen aufhorchen. Kaum ein Auftritt, bei dem Haselsteiner nicht auf die Verantwortung verwiesen hat, die auf den Schultern einer Branche lastet, die 38 Prozent aller klimaschädlichen Gase emittiert. Den gigantischen Fußabdruck zu verkleinern war ein wichtiges Ziel jenes Mannes, der den großen Fußstapfen seines Vaters, dem Architekten und Baumeister des Strabag, Hans Peter Haselsteiner – genannt HPH –, mehr als gerecht wurde.

Todesursache: Aneurysma-Blutung

Die Nachricht vom Tod Klemens Haselsteiners Freitagabend erschütterte viele, er verstarb völlig überraschend an einem Aneurysma. Der 44-Jährige war der drittälteste Sohn des Konzerngründers, Familie Haselsteiner hält 30,7 Prozent am Bauriesen, 31,9 Prozent gehören zur Uniqa/Raiffeisen-Gruppe. Seit 2020 gehörte Klemens Haselsteiner dem Vorstand der Strabag an, seit 2023 war er dessen Vorsitzender. Das Tempo, das der Vater dreier Kinder vorlegte, war imposant. Erst vor wenigen Tagen hatte er nach einer Reihe internationaler Großaufträge die „weltweiten Tätigkeiten“ des Konzerns hervorgehoben. Zuletzt kaufte die Strabag in Australien einen dort heimischen, vor allem im Straßenbau aktiven Konzern. „Unsere Leistung ist beeindruckend“, sagte er im April 2024, als die Strabag trotz schwieriger konjunktureller Großwetterlage abermals eine Rekordbilanz vorlegen konnte. Seinen Sitz hat der Baukonzern mit seinen 86.000 Mitarbeitern in Spittal/Drau. Gelenkt wird er vom Strabag-Glasturm in Wien aus, zwischen Donau-Ufer und Uno-City.

„Das interessiert eventuell mich“

Haselsteiner, der sich als Einziger der Haselsteiner-Brüder für das Baugeschäft begeisterte, musste sich als Sohn von HPH mehr als jeder andere beweisen. Seine zwei älteren Brüder, „Lebenskünstler“ Johannes und Architekt Sebastian, aber auch Halbbruder Simon, hätten, wusste das „Handelsblatt“, keine Ambitionen gezeigt, das Unternehmen zu führen. Als Klemens fünf oder sechs war, fragte der Vater, „Na Burschen, wen interessiert denn des?“ Der Jüngste zeigte auf: „Eventuell mich“.

Sein Weg in den Chefsessel war vorgezeichnet. Schon die Ausbildung, die der gebürtige Klagenfurter genoss, war mehr als profund: Sein betriebswirtschaftliches Handwerk lernte er in Chicago und in Pennsylvania. Die Berufslaufbahn startete er 2004 bei KPMG, die Tätigkeit in einem russischen Industriekonzern folgte. 2011 stieg er in den Strabag-Konzern in Russland ein, Stationen in Deutschland folgten. Als 2012 über seinen Wechsel in die Vorstandsetage spekuliert wurde, lautete der Befund: zu jung, zu früh. Später räumte er alle Zweifel aus.

CEO mit Hang zu Innovation

Die Feuertaufe im Vorstand bestand Klemens Haselsteiner bravourös, als er ab 2020 auf dem Fundament einer hemdsärmeligen, analogen Branche die digitale und ökologische Transformation aufbaute: Innovationen, Digitalisierung, Ökologisierung blieben keine Schlagworte, zum „Innovation Day“ ließ er regelmäßig hunderte Führungskräfte des Konzerns aus aller Welt einfliegen. Das Ziel ist klar: in 15 Jahren soll die Strabag klimaneutral sein. Zuletzt präsentierte er 50 Vorzeige-Innovationsprojekte der dezentralen Strabag-Einheiten aus aller Welt, von KI-Baukästen am Bau bis zu nachwachsenden Baustoffen: Sie sollten möglichst rasch und global auf Strabag-Baustellen zum Einsatz kommen.

„Veränderung lässt sich nicht aufhalten“

Der Blick auf das gut gefüllte, eigens dafür errichtete Ausstellungsgelände der Strabag in Köln während des „Innovation Day“ im November 2024 machte Klemens Haselsteiner sichtlich stolz. Die zuvor geschlagene Wahl in den USA und der allgegenwärtige Vormarsch reaktionärer Kräfte beschäftigten aber auch ihn. Er meinte damals zur Kleinen Zeitung, er glaube nicht, dass sich Energiewende und Klimaschutz politisch „ausbremsen“ ließen: „Wir befinden uns mittendrin in einer Veränderung, diese lässt sich nicht mehr aufhalten“. Es klingt heute wie ein Vermächtnis.

„Neben seiner unternehmerischen Weitsicht ist Klemens Haselsteiner immer bodenständig geblieben. Seine Philosophie war es, sich jeden Tag neu beweisen zu müssen und zu zeigen, dass Bauen besser geht“, streicht der Strabag-Vorstand in seinem am Samstag veröffentlichten Nachruf auf den „Visionär, Ideengeber, Anpacker“ hervor.

Offen, wer den Konzern führen wird

Offen ist zur Stunde, wer künftig den Konzern führen wird. Die weiteren Vorstandsmitglieder ­- Christian Harder, Jörg Rösler, Siegfried Wanker und Alfred Watzl – übernehmen vorübergehend die von Klemens Haselsteiner verantworteten Agenden. Das stelle eine nahtlose Fortführung der Geschäfte sicher, erklärte Aufsichtsratsvorsitzende Kerstin Gelbmann. Spekulationen, dass Klemens‘ Vater Hans Peter Haselsteiner mit bald 81 Jahren zurück an die Spitze kehren könnte, machen die Runde. Die Aufgaben wirken jedenfalls überwältigend: Die Baukonjunktur ist in den Heimmärkten Deutschland und Österreich nach wie vor getrübt, die weltweite Expansion verlangt nach mutigen Entscheidungen. Und nach wie vor hält die russische „Rasperia Trading Limited“ von Oligarch Oleg Deripaska 24,1 Prozent der Anteile, erst 2026 soll die Entscheidung fallen, ob sich die österreichischen Kernaktionäre die Anteile der Russen einverleiben können.

Verantwortung zu übernehmen ist Teil seiner DNA, erklärte Klemens Haselsteiner. Daran wird sein Nachfolger gemessen.