„Durch den permanenten Druck und Stress hatte er absolute Versagensängste. Bei Schularbeiten hat er eine Schreibblockade und nichts mehr hingeschrieben“, erzählt Karin Sommer über ihren Sohn Simon (beide Namen redaktionell geändert). Und das, obwohl die beiden gelernt haben. Sieben Tage die Woche. „Die Verzweiflung war groß“, erinnert sich Sommer.

Eine Rechtschreibschwäche sowie Dyskalkulie, also eine Beeinträchtigung des mathematischen Verständnisses, hat Simon. Außerdem ist ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) bei ihm diagnostiziert, das ist eine Form der ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ohne ausgeprägte körperliche Unruhe. „Im Moment steht außerdem eine Abklärung für Autismus-Spektrumsstörung an“, erzählt Sommer.

Kinder wie Simon, die nicht der Norm entsprechen, haben es im schulischen Alltag oft sehr schwer. Trotz Schulassistenz quälte sich der heute Zwölfjährige durch die Schulzeit. „Die Schulassistentin war sehr nett, aber sie hat ihm nicht helfen können.“

Während der Volksschule erhielt Simon Mathematik-Nachhilfe. In der Schule wurde keine Nachhilfe angeboten. „Gelegentlich ist es vorgekommen, dass Lehrer einzelne Kinder in der Turnstunde rausgefischt haben für zusätzliches Lernen.“

Lerntrainer und Elternmentoring

„Die Schulsozialarbeiterin hat eine Visitenkarte ins Hausübungsheft meines Sohns gelegt.“ Und zwar jene von Nico Hochstrasser. Rund ein Jahrzehnt lang unterrichtete er Deutsch und Musik. Dann hat er das „System Schule“ hinter sich gelassen, wie er sagt. „Leider gehen viele Kinder und Jugendliche in dieser Struktur, die sich seit 250 Jahren nicht grundlegend verändert hat, unter.“

Hochstrasser machte sich als diplomierter Lerncoach und Lerntrainer vor zwei Jahren in Weiz selbstständig, um Menschen mit Lernschwierigkeiten wie etwa ADHS, ADS oder Legasthenie zu helfen. Die Nachfrage ist groß. „Wir waren zuerst auf der Warteliste und haben zirka zwei Monate gewartet“, erzählt Sommer. „Ich war anfangs sehr skeptisch, aber unsere Verzweiflung war groß.“

Ein halbes Jahr ging Simon einmal pro Woche zu Hochstrasser. Seine Mutter nahm anschließend für etwa ein Jahr am sogenannten „Elternmentoring“ teil. Das rief der Lerntrainer gemeinsam mit Partnerin Christina ins Leben, weil er so viele Anfragen hatte und Eltern immer wieder fragten, wie sie ihre Kinder unterstützen können.

„Man lernt, Zeitpläne zu erstellen, Arbeitsplätze zu strukturieren und wird daran erinnert, Pausen zu machen. Man vergisst als Erwachsener, dass Kinder mehr Pausen brauchen“, sagt Sommer. Auch welcher Lerntyp das Kind ist und wie diese am besten lernen, wird ausgetestet und erklärt.

Eltern helfen beim Lernen

Einmal wöchentlich gibt es einen einstündigen Austausch. Den Eltern werden Videos zu unterschiedlichen Themen angeboten. Auch Expertinnen wie Therapeutinnen wurden eingeladen, etwa zum Thema Eltern-Kind-Beziehung. Diese leide häufig, wenn es zu Hause nur noch ums Lernen geht, so Hochstrasser. „Den Eltern werden Werkzeuge in die Hand gegeben, die sie gerade bei Lern- oder Konzentrationsschwierigkeiten umsetzen können.“

Sommers Alltag mit ihrem Sohn wurde einfacher. „Es ist viel entspannter, wir haben unser Familienleben zurückbekommen.“ Ihr Fazit? Es geht um Einteilung, Organisation und darauf, individuell auf das Kind einzugehen. „Momentan ist Simon überall positiv, er hat nur einen Vierer im Zeugnis.“ Das Lernen sei entspannter. „Wir haben gelernt, schneller zufrieden zu sein. Ich erwarte nicht mehr 100 Prozent. 70 Prozent reichen und für ein Kind wie meinen Sohn sorgt das für so viel mehr Entspannung.“