Im Herbst beginnt für Hannah Mayr-Beigel mit dem Wechsel ans Gymnasium ein neues Kapitel in ihrer schulischen Laufbahn. Bevor aber wieder Hefte, Stifte und Bücher wichtig werden, sind es jetzt viel mehr die Sommerferien. Die 14-Jährige ist Begleiterin bei der Jungscharwoche und nützt auch sonst ihre freie Zeit so richtig aus, bevor es wieder losgeht.

„Ich genieße es aber auch wirklich, wenn ich zur Schule gehen darf“, sagt sie. Denn Hannah konnte den Unterricht lange nicht besuchen, hatte für zwei Jahre auch wenig von Ferien und konnte auch nicht einfach einmal nach draußen gehen. Schwimmen gehen, den Familienhund zum Spaziergang ausführen, Freunde treffen – Aktivitäten, die sie gerne macht, waren nicht mehr möglich. Denn bei ihr wurde im Herbst 2022 eine akute lymphatische Leukämie (ALL) diagnostiziert.

Hannah Mayr-Beigel mit ihren Eltern und dem Familienhund
Hannah Mayr-Beigel mit ihren Eltern und dem Familienhund © KLZ / Tobias Graf

1000 Leukämie-Neuerkrankungen jährlich

Davor hatte sie bereits seit Frühling an einem Knochenmarksödem im Fuß gelitten. Sie und ihre Eltern dachten, mit einer Physiotherapie wird es über den Sommer besser. Es kam nicht so, es kamen sogar noch Rückenschmerzen dazu. Nach einer Biopsie entdeckten die Ärzte dann die Leukämie. „Ich hatte den Begriff natürlich schon gehört, aber konnte mir nicht vorstellen, was das alles bedeuten wird“, erinnert sich Hannah zurück. Papa René filterte aus dem Gewirr der Diagnose und den Erklärungen rundherum zunächst nur eine Botschaft heraus: „80 bis 90-prozentige Chance auf Heilung, das war das Einzige, das hängengeblieben ist.“

An ALL erkrankt statistisch ein Mensch aus hunderttausend. Noch vor einigen Jahrzehnten war die Diagnose fast ein sicheres Todesurteil, heute liegt der Heilungserfolg aufgrund großer Therapiefortschritte bei Erwachsenen bei 50 Prozent, bei Kindern und Jugendlichen bei 80 Prozent. Insgesamt erkranken in Österreich jährlich etwa 1000 Menschen an einer Art der Leukämie wie zum Beispiel ALL.

Trotz Krankheit schulisch nichts versäumt

Für Hannah begann schon am Tag nach der Diagnose ihre Chemotherapie. „Am Anfang durfte ich noch öfters heim, irgendwann ging es mir aber so schlecht, dass ich nicht mehr nach Hause konnte“, sagt sie. Manchmal durfte sie nicht einmal ihr Zimmer im Krankenhaus verlassen oder das Fenster öffnen, zu groß war das Risiko einer Infektion für das geschwächte Immunsystem. „Außerhalb des Zimmers ging es sowieso nur mit Maske“, so Mama Sandra.

Die Kinderonkologie im Grazer Uniklinikum und das benachbarte Ronald McDonald-Haus wurden in dieser Zeit zum neuen Zuhause für die junge Krebspatientin und ihre Eltern. Sandra ging in Pflegeteilzeit, René arbeitet im Wechsel- bzw. Schichtdienst und seine Arbeitszeiten wurden so eingeteilt, dass er länger am Stück frei hatte. „Mein Chef hat geschaut, dass die Dienste nach den gesetzlichen Vorgaben geblockt werden.“

Aufgrund der Schwächung ihres Körpers brauchte Hannah auch für längere Zeit einen Rollstuhl. „Es war nicht einfach, weil ich viele Hobbys hatte, bei denen ich die Füße brauchte. Auf einmal ging das alles nicht mehr“, sagt sie. Als Ablenkung während und zwischen den Chemotherapien „gab es zum Glück die Streaming-Dienste“, wirft die Mama ein. Es wurde auch viel Lego gebaut und gebastelt. „Ich habe alles bestmöglich ausprobiert, was man drinnen machen konnte“, erzählt Hannah.

Und weil auch der Schulbesuch für sie zeitweise nicht möglich war, wurde sie im Krankenhaus von einem Lehrer unterrichtet. „Mit dem konnte ich zum Glück auch über andere Sachen sprechen als über die Schule“, sagt sie. Die Kinderkrebshilfe stellte ihr auch einen sogenannten „Avatar“: Eine 30 Zentimeter große Figur, die mit Kamera und Mikro den Unterricht aus dem Klassenzimmer in Hannahs Zimmer übertragen hat. So konnte sie dabei sein. Die Schularbeiten schrieb sie unter der Aufsicht der Heilstättenlehrkräfte. „Ich hatte auch die Möglichkeit, dass ich ein Jahr aussetze, aber ich wollte das nicht“, erzählt Hannah. Trotz ihrer Erkrankung versäumte sie nichts.

„Die Ärzte sind zufrieden“

Und da der zweijährige Therapieplan auch nach Plan verlief, konnte Hannah schon im Frühling des letzten Jahres wieder die Schule besuchen. „Es geht mir jetzt gut, ich kann alles wieder normal machen“, sagt sie. Als sie schon in ambulanter Behandlung war machte die Kinderkrebshilfe auch Ausflüge wie eine Sportwagenausfahrt möglich, damit die Familie einmal wieder rauskam. Nachdem sie zwei Rehabilitationsprogramme absolviert hat, geht Hannah noch heute regelmäßig zur Physiotherapie und ihr Blut wird als Teil der Nachsorge monatlich untersucht. Die Zeiten zwischen den Kontrollterminen werden langsam länger. Das Wichtigste: „Die Ärzte sind zufrieden.“

„Wir waren zuletzt zum ersten Mal auch wieder im Urlaub in Kroatien“, berichtet Mama Sandra. Erste Male gab es zuletzt viele: Endlich wieder eine normale Dusche oder das Essen genießen, was Hannah gern hat: „Sie mag gerne Steak und als wir erfahren haben, dass sie das in zwei Wochen wieder essen kann, habe ich einen Bekannten angerufen, der ein Gasthaus hat und gesagt, in zwei Wochen kommen wir“, erzählt der Papa.

Für ihn zählt: „Es können auch immer andere Sachen passieren, aber meine Tochter ist jetzt gesund.“ Ihre bei der Chemotherapie ausgefallenen Haare sind längst wieder lang, die Krankheit hat sie auch sonst zurückgelassen. Sie blickt nach vorne, auch wenn die Erinnerungen an die Zeiten im Krankenhaus bleiben, genauso wie vieles an aufgesammeltem medizinischen Wissen. Teile davon werden vielleicht wieder gebraucht: Hannah will Tierärztin werden.