AccessControl ac = AccessControl.getAccessControl(request);

INTERVIEW

200 Jahre Musikverein für Steiermark

Am Dienstag startet der Musikverein für Steiermark in seine Jubiläumssaison. Generalsekretär Michael Nemeth (35) über die Sahnehäubchen, das Perpetuum mobile und zu konternde Klischees.

© KLZ / Kanizaj
 

Herr Nemeth, Musikverein 200, heißt das auch Puls 200 vor dem Auftakt?

MICHAEL NEMETH: Nein, weil ich grundsätzlich gelassen bin und die Konzerte ja zwei bis drei Jahre im Voraus geplant sind. Wobei: Routine ist es nie, und man hofft natürlich, dass alles klappt und angenommen wird, gerade bei der Dichte des heurigen Programms mit 65 Veranstaltungen und 1000 Künstlern. Aber wie immer zählt bei aller Quantität die Qualität. Wenn es jetzt in medias res geht, freuen wir uns selbst auf zahlreiche Sahnehäubchen. Wesentlich war uns, Stammgäste einzuladen, zum Beispiel Elina Garanca, die gleich zwei Mal auftritt, aber auch exklusive Gäste wie die Grande Dame Angela Gheorghiu, Philippe Jordan, der erstmals nach seinem Abgang aus Graz wieder hier dirigiert, oder Zubin Mehta, den nächsten Neujahrskonzert-Dirigenten, mit den Wiener Philharmonikern.

Wie kann man sich eigentlich Ihre Programmierung vorstellen? Nemeth fragt Nemeth: Was mach' ma denn 2014/15?

NEMETH (lacht) : Nein, aber wir kaufen ja nicht einfach Tourprogramme ein, sondern komponieren die Saison bestmöglich durch. Ich selbst habe übrigens eine Hotlist mit Werken, und die versuche ich zu dezimieren.

Die wie lang ist?

NEMETH: Unendlich, weil auch immer neue Wunschstücke hinzukommen. Ein Perpetuum mobile.

Was erfüllen Sie sich diesmal?

NEMETH: Mahlers "Achte" zum Beispiel, die "Symphonie der Tausend". Oder Beethovens "Fidelio" als Gastspiel der Wiener Staatsoper, die das letzte Mal 1933 unter Clemens Krauss in Graz war. Beethoven war ja Ehrenmitglied im Musikverein und hat auch große Symbolkraft für Graz - nicht nur, weil er als Skulptur auf der Congress-Treppe grüßt. Dirigieren wird Ádám Fischer, seinerzeit Korrepetitor an der Grazer Oper. Er leitet zudem als Artist in Residence an vier Tagen einen Zyklus von Beethoven-Symphonien, den er im November 2015 fortsetzen wird, zum 130-Jahr-Fest des Stephaniensaals.

Wie groß ist die Grätsche zwischen dem Publikumsgeschmack und dem Veranstalteranspruch? NEMETH: Wir sind ein Repertoirebetrieb und kein Festival, das sich ein Motto wählen kann. Dementsprechend breit ist das Angebot, aber nur zu spielen, was alle wollen, wäre unbefriedigend. Also muss man Überzeugungsarbeit leisten, auch für Modernes und Zeitgenössisches, dargeboten in erster Qualität. Ein Blick in unser Programmheft zeigt große Namen: Frank Martins Klavierkonzert als echte Rarität, Olivier Messiaens schillernde Turangalîla-Symphonie, Krzysztof Penderecki, György Ligeti, Gerd Kühr . . .

So eine exklusive Markstein-Saison kostet viel. Kassa blanca?

NEMETH: Wir haben schon vor zwei Jahren einen exakten Finanzplan erstellt und ihn dem Landeskulturressort vorgelegt mit dem Wunsch, einmalig die doppelte Basissubvention von derzeit 224.000 Euro zu erhalten. Leider wurden es dann - mühsam und über Umwege - nur 110.000 Euro, die wir zwar auch froh sind zu haben, aber den Rest mussten wir bei Sponsoren zusammenkratzen. Ich jammere und neide nicht und gratuliere jedem, der gut abgesichert ist. Aber finanziell ist jede Saison eine enorme Herausforderung, und manchmal wünscht man sich halt, dass die kreative Arbeit jene für die Systemerhaltung überwiegt.

Wird die Umwegrentabilität von Kultur zu wenig geschätzt? NEMETH: Ich gehe da mit Alexander Pereira: "Gelder für die Kultur sind Kredite, keine Subventionen." Darum empfanden wir es auch als enttäuschend und grob fahrlässig, dass das Kulturkuratorium des Landes just in unserer Jubiläumssaison empfahl, die Subvention für uns auf die Hälfte runterzustreichen. Gott sei Dank war Landesrat Christian Buchmann in der Folge gesprächsbereit und hilfreich.

Wenn man den Musikverein als elitären Zirkel bezeichnet . . .

NEMETH: . . . dann kontere ich, dass wir seit jeher ein privater, gemeinnütziger Verein sind. Klischeesätze wie "Ihr lebt ja eh vom Steuerzahler", "Eure Abos kann man nur erben" oder "Bei euch ist alles so teuer" kann ich jedenfalls nicht mehr hören. Wo erlebt man zum Beispiel als Nichtmitglied eine Garanca ab 30 Euro? Unsere Karten kosten im Schnitt 30 bis 40 Euro, Stehplätze gibt's um fünf Euro, da kann niemand meckern bei dem Niveau des Gebotenen. Außerdem tun wir viel für die nächste Generation: Wir bieten, speziell in unserer Reihe "Amabile", tolle Aktionen für Kinder und Jugendliche. Und obwohl wir von den Eintrittsgeldern leben und jeden Euro umdrehen müssen, verschenken wir an Musikschüler und -studenten 30 bis 50 Karten pro Konzert, das gibt es nirgendwo anders in Österreich.

Zum Schluss: Jeder Jubilar hat Wünsche frei, also . . .

NEMETH: . . . wünscht sich der Musikverein, dass der Publikumszuspruch so hoch bleibt wie derzeit. Dass wir die künstlerische Dichte halten können. Dass im nächsten Dreijahresplan unsere Schwerpunktsetzung im Jugendbereich und zum Thema Menschenrechte gut ankommt. Und dass unser 200er den Verein zusätzlich und nachhaltig ins Gespräch bringt.

Höhepunkte

LIEDERABENDE. Elina Garanca kommt gleich zwei Mal - im Oktober und Jänner. Diana Damrau, Simon Keenlyside oder Florian Boesch (mit Thomas Quasthoff als Sprecher) sind weitere Zuckerln.

FESTKONZERTE. Zwölf Mal wird in der Saison extra jubiliert. Mit Edelgästen wie der Sopran-Diva Angela Gheorghiu oder Philippe Jordan und den Wiener Symphonikern.

SOLISTENKONZERTE. Sol Gabetta und Mischa Maisky bringen ihre Celli mit, Geigerin Carolin Widmann ihr Trio, Pianist Markus Schirmer spielt solo und zudem in einer Gala mit exquisiten Kollegen.

ORCHESTERKONZERTE. Zubin Mehta leitet die Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt und sein Concentus Musicus ehren Mozart, die Grazer Philharmoniker stemmen u. a. Mahlers "Achte".

BEETHOVEN PUR. Ádám Fischer leitet das Danish National Chamber Orchestra durch vier Beethoven-Symphonien und den konzertanten "Fidelio" der Staatsoper

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung! Kommentieren