Am Ende kam es doch überraschend. Wie heute bekannt wurde, ist Alfred Stingl am 29. Mai, nur einen Tag nach seinem 86. Geburtstag, gestorben. Der SPÖ-Politiker war von 1985 bis 2003 Bürgermeister von Graz und galt auch all die Jahre danach als das soziale Gewissen der Stadt. Die letzten Jahre lebte er in einer Einrichtung der Stadt Graz.
„Mit Alfred Stingl hat Graz eine große Persönlichkeit verloren. Er hat viele Spuren hinterlassen und war für seine nahbare und bescheidene Art bekannt“, sagt Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ). Die Grazer SPÖ-Chefin Doris Kampus zeigt sich „extrem tief betroffen. Gemeinsam mit Karl-Heinz Herper war ich am Dienstag noch bei ihm, wir haben ihm zum Geburtstag gratuliert. Da hat er so viel erzählt von früher.“ Es sei ein Privileg gewesen, mit Stingl immer wieder im Gespräch gewesen zu sein.
Ab Montag, dem 2. Juni, 9 Uhr, liegt ein Kondolenzbuch im Baumkircherzimmer im zweiten Stock des Grazer Rathauses zur Eintragung bereit.
Stingl und die Stadt der Menschenrechte
Der Name Stingl ist untrennbar mit dem Einsatz für Menschenrechte verbunden, unter ihm wurde Graz zur „Stadt der Menschenrechte“. Auch für sozialen Zusammenhalt und kulturelle Offenheit war er bekannt. Er war gemeinsam mit Ex-ÖVP-Chef Helmut Strobl dafür verantwortlich, dass Graz 2003 zur Europäischen Kulturhauptstadt wurde und trug auch davor den für viele radikalen Verkehrskurs von Vizebürgermeister Erich Edegger (ÖVP) mit.
Weitere Höhepunkte in seiner Ära waren, unter anderen, die Erklärung der Grazer Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 1999 sowie die Eröffnung der neuen Synagoge im November 2000.
Privat hat er bis ins hohe Alter seine Frau Elli gepflegt, die 2018 gestorben ist.
Alfred Stingl: vom Schriftsetzerlehrling zum Bürgermeister
Alfred Stingl selbst wurde am 28. Mai 1939 geboren, mitten hinein in den zweiten Weltkrieg. Er absolvierte eine Lehrer als Schriftsetzer in der Druckerei Leykam. 1962 gründete er die „Junge Generation“ mit und trat der SPÖ bei, für die er 1968 als Gemeinderat ins Grazer Rathaus einzog. 1973 wurde er Jugendstadtrat und am 10. Jänner 1985 als Bürgermeister angelobt. Das blieb er 18 Jahre lang – ein Rekord, der von seinem Nachfolger Siegfried Nagl überboten wurde.