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Graz drei Jahre danachDas Leiden der Opfer nach der Amokfahrt

Vor drei Jahren zog der gebürtige Bosnier Alen Rizvanovic mit dem Auto eine blutige Spur durch Graz. Noch immer leiden die Opfer an den Folgen – psychisch und physisch.

Die Familie Leitner 2016 am Tatort
Die Familie Leitner 2016 am Tatort © KLZ/Jürgen Fuchs
 

Mehrmals schon musste Philipp Leitner (12) operiert werden. Zuletzt vor acht Wochen. Mindestens eine schwierige Operation hat er noch vor sich. Von den psychischen Spuren, welche die Grazer Amokfahrt bei ihm hinterlassen hat, gar nicht zu reden.

„Seit 14 Tagen geht der Bub wieder zur Schule – und nebenbei zur Therapie ins Krankenhaus“, erzählt sein Vater Helmut (64), der selber noch psychisch und physisch leidet. „Die ganze Familie ist in Behandlung.“ Ehefrau Manuela (49) und Lukas (13) standen unmittelbar daneben, als damals, an diesem 20. Juni 2015, Alen Rizvanovic mit dem Geländewagen seines Vaters beim Billa-Eck am Grazer Hauptplatz Philipp und seinen Vater niederfuhr. Beide wurden schwer verletzt. „Aber wir haben überlebt“, bemerkt Helmut Leitner. „Andere nicht.“

Wir blenden zurück: Es ist der 20. Juni 2015, ein warmer Spätfrühlingstag. In der Stadt tummeln sich die Menschen. Auch die Schanigärten sind schon gut besucht. Am Griesplatz steigt Alen Rizvanovic, damals 26 Jahre alt, ein gebürtiger Bosnier, wohnhaft in Kalsdorf, in das Auto seines Vaters. Er gibt Vollgas, rast mit dem Geländewagen durch die Zweiglgasse. Der Grazer Bürgermeister, Siegfried Nagl, ist mit seiner Vespa unterwegs. Er kann sich gerade noch zur Seite retten. Adis Dolic (28) und seine Frau Adisa (25) nicht. Die Frau wird schwer verletzt, ihr Mann, den sie erst 14 Tage vorher geheiratet hatte, stirbt am Tatort.

Einige Hundert Meter weiter steigt der Amokfahrer aus dem Auto und sticht eine Frau aus Afghanistan nieder, bevor er durch die Innenstadt rast. In der Herrengasse tötet er eine Frau und einen kleinen Buben. Gezielt fährt er auf die Menschen zu – auch auf Helmut Leitner und seinen Sohn Philipp. Als Alen Rizvanovic von der Polizei vor der Inspektion Schmiedgasse gestoppt wird, gibt es drei Tote, über 40 zum Teil Schwerverletzte – insgesamt 106 Opfer.

"Kein Terroranschlag"

Was war das Motiv für diese Wahnsinnsfahrt? Rasch wurde bekannt, dass der Tatverdächtige aus Bosnien stammt, sofort wurde ein islamistischer Anschlag vermutet, denn diese Amokfahrt war wie in einem Videofilm des Islamischen Staates (IS) abgelaufen. Doch schon zwei Stunden später werden Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer und Landespolizeidirektor Josef Klamminger vor laufenden Kameras erklären: „Es handelt sich um einen geistig verwirrten Mann.“ Also kein Terroranschlag.

Im Zuge des Verfahrens stellt sich heraus, dass es die Rache eines gekränkten Mannes war, den die Frau mit den Kindern verlassen hatte. Jetzt geht es nur noch um die Frage: War der Amokfahrer zur Tatzeit zurechnungsfähig? Die Gutachten sind widersprüchlich. Der Grazer Psychiater Manfred Walzl sagt Ja. Sein Kollege Peter Hoffmann und der deutsche Obergutachter Jürgen Müller bescheinigen Rizvanovic Zurechnungsunfähigkeit.

Zurechnungsfähig und lebenslange Haft

In weißem Hemd und weißem Anzug präsentiert sich der Angeklagte den Geschworenen, plädiert auf Zurechnungsunfähigkeit. Doch das Gericht entscheidet für lebenslange Haft. Der Oberste Gerichtshof bestätigt das Urteil. Jetzt hadert Alen Rizvanovic in der Justizanstalt Garsten mit seinem Schicksal. Er möchte in die Karlau überstellt werden, bisher sind es vergebliche Bemühungen.

Helmut Leitner hegt keinen Hass gegen jenen Mann, der ihm und seiner Familie so viel Schmerzen und Leid zugefügt hat. „Wichtig ist, dass er seine gerechte Strafe bekommen hat“, betont der Grazer. „Aber jedes Mal, wenn ich eine Schmerztablette nehmen muss, kommt alles wieder hoch. So etwas kann man nicht ausblenden.“ Leitner ist nicht das einzige Opfer, das mit diesem Trauma leben muss.

Kommentare (4)

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GordonKelz
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DIESE FOLGEN ....

...lassen sich Jahrzehnte nicht tilgen....
während der Verursacher nach verhältnis-
mäßig kurzer Zeit meist wieder auf freien Fuß lebt . Die müssten auch so lange büßen bis der letzte Betroffenen gänzlich wieder hergestellt ist !!!
Gordon Kelz

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sternguckerlein
3
38
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Sorry, Kleine Ztg. ...

...finde den Artikel wirklich schlecht recherchiert! Die Überschrift verspricht einen Beitrag zu den Spätfolgen der Amokfahrt, aber das wird nur als „Rahmen“ verwendet, um alles wieder aufzurollen, und den Täter und seine Tat wieder in den Mittelpunkt zu stellen!

Wo bleibt die Recherche über weitere Opfer und deren täglichen Kampf zurück in das was sich „Normalität“nennt? Wo bleiben Interviews mit dem Einsatzleiter des psycholog. Notfallteams bzw. Menschen, die erste Hilfe vor Ort leisteten?
Wo bleiben die Menschen, die nichtunmittelbar betroffen , weil nicht vor Ort, waren, aber heute immer noch ein ungutes Gefühl haben, wenn sie durch die Herrengasse gehen? Wo bleiben die Anghörigen der Todesopfer?

Und zuletzt: Wo bleibt ihre journalistische Arbeit?

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pppp54
1
10
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Sie haben es und den Punkt

gebracht! Unser ganzes Mitgefühl sollte all diesen Opfern von damals gehören! Ich hoffe, dass diesen Menschen jede nur erdenkliche Hilfe und Unterstützung lebenslang gewährt wird!

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Shiba1
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@sternguckerlein

gebe Ihnen absolut recht.
Und noch etwas: Wie der LH SchüHo und der Landespolizeidirektor Josef Klamminger unmittelbar nach der Tat vor laufenden Kameras erklären konnten, „Es handle sich um einen geistig verwirrten Mann“ , ist eigentlich auch nicht geklärt. Sind die beiden gelernte Psychologen?? Außerdem bedürfte Folgendes der Aufklärung, nämlich der Eintrag ins elektronische Kondolenzbuch am 21. Juni um 10.25 Uhr:
»Auch ich musste Zeuge dieser schrecklichen Tat werden. Als er das Auto aufgrund des Radfahrers kurzzeitig verließ, konnte ich gemeinsam mit zwei weiteren geschockten Personen wahrnehmen, dass er Allahu Akbar rief. ...« Der Eintrag im Kondolenzbuch, wurde - wie alle anderen Augenzeugenberichte mit ähnlichem Inhalt und Hinweisen auf einen radikalen Muslim als Täter - sofort gelöscht. Wobei man sagen muss: radikale Muslims sind eh geistig verwirrt; insofern hatten die beiden (Schüho und Klamminger) wieder recht.

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