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Nach Vorfällen in NervenklinikGerichtspsychiater: „In dem Bereich gibt es viele Straftaten“

Am Freitag startet die Untersuchungskommission zu Misshandlungsfällen in der Grazer Alterspsychiatrie: Gerichtspsychiater Peter Hofmann erklärt die Hintergründe.

LKH Graz Süd-West/Standort Süd: Patienten-Misshandlung in der Alterspsychiatrie © Reinhart Nunner
 

Herr Hofmann, Sie sind Gerichtspsychiater und Gutachter: Warum kommt es hier immer wieder zu solchen Übergriffen?

PETER HOFMANN: Wir haben es auf einer Geriatrie und Alterspsychiatrie mit Menschen zu tun, die abbauen. Im Demenzbereich können diese Menschen schwer paranoid werden und aggressiv. Auf so einer Station zu arbeiten, ist eine besondere Herausforderung. Diese Patienten sind besonders anstrengend und konsumierend. Das Pflegepersonal handelt oft unbedankt. Demente Patienten bekommen oft nicht mit, wie sehr man sich um sie kümmert.

Pflegerinnen und ein Pfleger sollen in Graz demente, wehrlose Patienten misshandelt haben. Wo liegt der Fehler im System?

Vor Jahrzehnten, nach den Morden im Pflegeheim Lainz, gab es eine große Aufregung – und alle redeten darüber, was man alles in der Geriatrie/Alterspsychiatrie verbessern muss. Es ist etwas geschehen, aber das ist ein Bereich, der dauernder Nachbesserung bedarf. Und das ist bestimmt nicht ausreichend umgesetzt worden. In dem Bereich gibt es wahrscheinlich die meisten Straftaten – und in keinem anderen medizinischen Bereich kennen wir mehr Straftaten gegen Patienten als in der Geriatrie.

KK
Psychiater Peter Hofmann © KK

Und trotzdem wird zu wenig unternommen?

Nach den Vorfällen in Schwanberg hat man die Einrichtung aufgelöst, hat aber generell zu wenig auf die Geriatrie/Alterspsychiatrie geschaut. Jetzt, weil es wieder einen Vorfall gibt, heißt es gleich, es ist in diesem Bereich so gefährlich für die Patienten. Das ist nicht einfach für die Berufsgruppe. Wir wissen ja nicht einmal, ob die Taten so stattgefunden haben und welche Beweggründe die Täter hatten. Sind das Sadisten, sind das Frustrierte? Ich habe da einen anderen Blickwinkel: Jetzt steht die Geriatrie/Alterspsychiatrie im Blickpunkt. Das könnte man als Anlass nehmen, abseits der Vorfälle nachzuschauen und zu fragen: Was ist da los?

Also: Was ist da los?

Eine Entwicklung, die das Problem verschärft, kommt aus einem positiven Ansatz: Dass Patienten einfach mit Medikamenten ruhig gestellt werden, gibt es so heute nicht mehr. Jedes Medikament muss begutachtet werden. Die Patienten sind jetzt viel aktiver, und viel anstrengender. Jemanden, der verworren ist und weglaufen will, kann ich nicht einfach einsperren. Das geht rund um die Uhr so weiter und übersteigt schnell den Personalstand.

Nachtdienste zu zweit oder ein Zwölfstundendienst sind also nicht mehr zeitgemäß.

Das ist eine organisatorische Frage, die ich so aus der Entfernung für Graz nicht beantworten kann. Was man sagen kann: Überall wird darauf geschaut, dass effizient gearbeitet wird. Ein Beispiel: Wenn Sie Patienten haben, die dement sind und immer wieder das Gleiche sagen, dann ist es wichtig, dass es mehrere Betreuer für diese Patienten gibt. Also brauche ich schon entsprechend Personal.

Kann es also sein, dass es zu wenig Personal gegeben hat?

Auch das werde ich nicht aus der Entfernung beantworten. Aber: Es können über 20 Patienten auf einer Abteilung sein. Das ist sehr belastend, wenn die Mitarbeiteranzahl nicht ausreicht – umgekehrt sind die Bemühungen für Fortbildung etc. noch immer teilweise als einmalige Ereignisse sichtbar. Ich gehe davon aus, dass kürzere Arbeitszeitmodelle besser wären. Die Menge und die Besonderheiten der Arbeit überfordern manche. Die meisten Pflegekräfte lassen aber ihren Frust nicht am Patienten aus, sondern gehen weg. Und fehlen dann. Auch deshalb muss man sich neue Modelle überlegen, damit man hier überhaupt Pflegemitarbeiter bekommt.

 

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