Am 26. April fünf Minuten vor elf am Vormittag hat die Erfurter Andreasglocke wieder geläutet, zum 23. Mal und zur Erinnerung an den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium. 2002 begann der 19 Jahre alte Robert S., ein halbes Jahr nach seinem Schulverweis, in dieser Minute 16 Menschen zu erschießen, Lehrerinnen und Schüler, eine Sekretärin und einen Polizisten — und schließlich sich selbst.

Wie jedes Jahr seitdem sind nach dem Läuten vom Turm der evangelischen Andreaskirche drinnen im Schiff 16 Kerzen entzündet worden — eine für jede und jeden Ermordeten. Und an einem anderen Platz eine 17., für den Täter.

Gebäude saniert und umgebaut

Zehn Jahre nach dem Massaker erzählte Pfarrerin Ruth-Elisabeth Schlemmer, die schon im Jahr des Mordens im Dienst war und heute immer noch, manche Angehörige kämen wegen dieser einen Kerze nicht zur abendlichen Gedenkandacht. Sie verstehe das. Über Robert S. sagte die Pastorin: „Er trägt ja auch wirklich Schuld.“

Das Gutenberg-Gymnasium hat für vormittags elf, auch wie immer, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Angehörige, Ehemalige und überhaupt alle zum stillen Gedenken geladen; Treffpunkt „vor der großen Haupttreppe“. Die gab es 2002 noch nicht. Und auch sonst ist das wuchtige Schulgebäude aus der Kaiserzeit nicht mehr dasselbe. Nach dem Amoklauf ist es saniert und umgebaut worden. Nicht nur deswegen. Aber auch.

Gut drei Jahre lang zog das Gutenberg nach dem Massaker in ein Ausweichquartier. Aber von Beginn an war für die Schulgemeinschaft, für Lehrende wie Lernende, klar: Sie wollen dem Schrecken nicht weichen. Sie kommen zurück.

Mitspracherecht für Schüler

Beim Wiedereinzug Ende August 2005 sprach der Bundeskanzler. „Wichtig“ und „richtig“ nannte Gerhard Schröder den Entschluss; er selbst hatte entschieden, dass der eigentlich nicht zuständige Bund die knapp zehn Millionen Euro für die Veränderung bezahlte. Vieles war bei diesem Umbau anders als sonst. Schülerinnen und Schüler hatten ein Mitspracherecht sowohl für die Außengestaltung wie für die Innenarchitektur.

„Erinnerungen lassen sich nicht wegrenovieren“, erkannte man beim fürs Innere zuständigen Berliner Büro C. Fischer. Und so gibt es neben viel Glas und Holz und Helligkeit und Funktion auch den „Raum der Stille“, ganz oben unterm Dach, den sich die Schülerinnen und Schüler wünschten. Und die Gedenktafel außen am Haus, mit den Namen der 16 Getöteten, darüber sehr groß das Datum. Und noch darüber, klein, aber eben ganz oben steht: „Verbunden mit der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt“.

Gleich nach der Tat begannen wöchentliche Therapiestunden für alle Klassen, erst als „Nachsorge“, später dann auch als Vorbereitung auf das Zurück. Fünf Monate nach dem Massaker betraten die Ersten das Gutenberg wieder, auf Besuch und in kleinen Gruppen: drei bis vier Schülerinnen und Schüler, dazu zwei Psychologen. Vor dem endgültigen Wiedereinzug gab es eine Projektwoche — zum Angewöhnen.

Trauer

Neben, unter, über all dem, was voranging und damit weg vom „schlimmsten Tag unserer Schulgeschichte“, wie das Gutenberg das Massaker umschreibt auf seiner Homepage, blieben über die Jahre hinweg Entsetzen, Fassungslosigkeit — und Trauer. 2008 schrieb die Sozialpädagogin Christiane Dossow ihre Dissertation über deren Bewältigung durch die „unmittelbaren Angehörigen und Betroffenen“. Dossow bemängelte „mangelnde Transparenz“ von Ermittlern, Behörden, Funktionsträgern. „Von der Politik“ seien „ ,rückhaltlose Aufklärung und vollständige Informationʻ … vollmundig versprochen und allerdings nur unzureichend eingelöst“ worden. Wer das publikumswirksamer beklagt als in einer Doktorarbeit, zieht Aggression auf sich und löst Konflikte aus wie die Schriftstellerin Ines Geipel 2004 mit ihrem Buch „Für heute reicht’s. Amok in Erfurt.“

Die tiefe Kluft zwischen Betroffenen und Offiziellen ließ sich 2022, zum 20. Jahrestag des Amoklaufs, im Amtsblatt der Thüringer Landeshauptstadt nachlesen. „Gottseidank“, schrieb da, als „Zwischenruf aus dem Rathaus“, dessen Sprecher, „hat die Tat dem Image Erfurts nicht geschadet. Das Label ‚Amoklaufstadtʻ klebte niemals an ihr.“