Hannes Reichelt gewährt tiefe Einblicke in seine Gedankenwelt. Da und dort war nach seiner schweren Knieverletzung im Dezember des Vorjahres in Bormio schon von seinem möglichen Karriereende gemunkelt worden. Nach einem Kreuzbandriss samt knöchernem Ausriss des äußeren Kapselbandkomplexes wäre es im Alter von 40 Jahren auch ein Leichtes gewesen, zu sagen: Aus, das ist es nicht mehr wert. Doch Reichelt wollte nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen.

„Ich habe diesen Weg gewählt, weil ich es einfach nochmals wissen möchte. Ob ich es schaffe, wieder zurückzukommen. Und ob ich konkurrenzfähig bin“, sagt der Salzburger. Die Entscheidung war schließlich keine schwierige, vor allem auf die Gefahr hin, „dass ich mir sonst irgendwann einmal vorgeworfen hätte: Vielleicht hätte ich das ja doch noch geschafft“. Und wenn es nicht klappt? „Dann kann ich mir erstens selbst nichts vorwerfen und zweitens ist es für die Rehabilitation gut, wenn man so ein Ziel vor Augen hat.“

In einem Monat beginnt in Val d’Isere auch die Saison in den Speed-Disziplinen, am 12. Dezember ist in den französischen Alpen die Abfahrt angesetzt. Reichelt hat in dieser Saison das Ziel vor Augen, konkurrenzfähig zu sein. Die Vorbereitung dafür absolvieren Österreichs Abfahrer derzeit auf dem Wurmkogel in Hochgurgl, weil nach der Absage der Rennen in Nordamerika auch die übliche Vorbereitung in Colorado ausgefallen ist. Und sie staunen nicht schlecht über die Verhältnisse, die sie dort vorfinden: „Es ist ganz selten, dass wir zu dieser Jahreszeit solche Bedingungen haben“, sagt Reichelt. Die Piste im Ötztal auf rund 3000 Metern ist absolut weltcuptauglich: ein eisiger, unruhiger Untergrund, Sprünge und Geschwindigkeiten bis zu 130 Stundenkilometer.

"Skifahrerisch ist es definitiv ausbaufähig"

Bedingungen, die allen Beteiligten in die Karten spielen, speziell Reichelt. Die derzeitigen Verhältnisse im Training seien zum Teil schwieriger als im Weltcup. „Das hier ist hohes Niveau“, sagt er, sein Knie müsse schon jetzt mit einer „Riesenbelastung“ zurechtkommen. Und das tut es auch. So kann Reichelt ausschließen, dass er überfordert ist, wenn der Weltcup losgeht – wenngleich er weiß: „Skifahrerisch ist es definitiv ausbaufähig. Da gibt es einiges zu tun.“

Und schon sind wir wieder bei den Gedanken. Auch für seinen Kopf ist es derzeit ein richtiger Härtetest, sagt er: „Je älter man wird, desto mehr muss man sich überwinden, um an das Limit zu gehen. Das ist der schwierigste Part.“ Die positiven Emotionen überwiegen aber: „Hätte ich aufgehört, hätte ich bestimmt nicht so trainiert. Und wer weiß, ob das Knie so gut geworden wäre. Daher war es die richtige Entscheidung, weiterzumachen.“