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Ski AlpinMichelle Gisin: "Glaube nicht, dass das eine Frau überlebt hätte"

Michelle Gisin hat am vergangenen Wochenende in Lienz ihren ersten Podestplatz im Slalom eingefahren und hat damit in ihrer Karriere Podiumsplätze in vier verschiedenen Disziplinen erreicht. Derzeit liegt die 26-Jährige im Gesamtweltcup vor allen anderen Schweizerinnen.

ALPINE SKIING - FIS WC Lienz
© GEPA pictures
 

Im Interview mit SPOX spricht Michelle Gisin über den schlimmen Sturz ihres Bruders Marc in Gröden im Dezember 2018. Sie erklärt, warum Frauen niemals eine Streif-Abfahrt fahren sollten und wie sie sich trotz Gehirnerschütterung zur Olympiasiegerin krönte. Außerdem schlägt sie eine Punkte-Revolution im Ski-Weltcup vor und erklärt, warum sie eines Tages mit dem Großteil des Weltcup-Trosses im Zug reisen möchte.

Lukas Zahrer (SPOX): Frau Gisin, Sie sind 26 Jahre alt, haben aber bereits jetzt ein Buch über sich selbst veröffentlicht. Wie kam das zustande?

Michelle Gisin: Das darf man nicht als Biografie verstehen. Es beschreibt einen Zeitraum von 30 Stunden bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang. Dort fuhr ich im Training für die Abfahrt zunächst die Bestzeit. Alles fühlte sich perfekt an – so, wie man sich es nur wünschen könnte. Dann ging es aber in die Hose.

Warum?

Mein Ski ging im Rennen schon nach wenigen Kurven kaputt. Im Zielbereich wurde mir das zum Verhängnis, ich stürzte. Den Nachmittag verbrachte ich mit einer Gehirnerschütterung im Bett. Das ganze passierte einen Tag vor meinem eigentlichen Highlight.

Das Rennen in der Kombination?

Richtig. Ich hatte erst etwas mehr als ein Jahr davor meine erste Weltcup-Abfahrt bestritten und dachte daher nicht einmal annähernd an eine Medaille. Das klare Ziel war, mich für die Olympia-Kombination vorzubereiten.

Nur wenige Stunden später gingen Sie aber mit einer Gehirnerschütterung an den Start.

Es war keine schwere Gehirnerschütterung. Wäre das Rennen kein olympisches gewesen, wäre ich nicht gefahren. Gemeinsam mit meinen Betreuern, die mich allesamt sehr gut kennen, klärte ich mit den Ärzten ab, ob ein Start gefährlich sei. Sie haben glücklicherweise die richtige Entscheidung getroffen.

Mit 0,97 Sekunden Vorsprung auf Mikaela Shiffrin krönten Sie sich zur Olympiasiegerin.

Beim Start vor dem Slalom sagte ich noch zu meinem Servicemann: ‚Ist vielleicht gut, dass ich heute nicht zu viel nachdenke.' Ich schaffte es, die Enttäuschung in eine Chance umzuwandeln. Es war eine Lehre für das Leben, in dem ohnehin nie alles perfekt läuft.

ALPINE SKIING-OLY-2018-PYEONGCHANG-MEDALS
Foto © APA/AFP/LOIC VENANCE

Gisin über Klimawandel, Fantasy-Bücher und nachhaltige Kleidung

Sie sind also Neo-Buchautorin, bezeichnen sich auf Ihrer Homepage aber auch als "fantasy reader". Haben Sie einen Buchtipp parat?

Da gibt es einige. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist von Stephanie Meyer.

Auweh! Sie kommen mir mit Twilight?

Eben nicht! Ich denke an "Seelen". Außerirdische, die sogenannten Seelen, bevölkern darin die Erde. Das ist unglaublich gut, ein Muss für alle Fantasy-Leser. The Witcher ist auch sehr empfehlenswert, derzeit schaue ich die dazugehörige Serie auf Netflix. Aber wie immer gilt: Zuerst unbedingt die Bücher lesen!

Kommen Sie denn während einer Weltcup-Saison viel zum Lesen?

Ich brauche etwas länger, bis ich einschlafen kann. Mindestens 20 Minuten vor dem Schlaf verordne ich mir ein Handyverbot. Das Lesen ist zu meinem Ritual geworden. Das kann für meinen Freund oder meine Zimmerkolleginnen durchaus anstrengend werden, wenn ich das Licht brennen lasse. Glücklicherweise schenkte mir meine Mutter zu Weihnachten einen eReader. Das ist sozial gesehen die deutlich fairere Leseerfahrung (lacht).

Sie setzen sich für die Interessen der Bewegung Protect Our Winters ein. Was hat es damit auf sich?

Es ist eine Non-Profit-Organisation von Wintersportlern, die auf den Klimawandel aufmerksam machen wollen. Ich beobachte ihn seit vielen Jahren, vor allem auf den Schweizer Gletschern. Die Wetterkapriolen im Winter häufen sich. Das deutet sehr stark auf einen Klimawandel hin. Deshalb ist es mir ein sehr großes Anliegen, das nach außen zu tragen.

Während manche Athletinnen mit dem Hubschrauber oder Privatflugzeug zum nächsten Weltcup-Ort reisen, nahmen Sie nach St. Moritz den Zug.

Das Ziel war, Aufmerksamkeit zu schaffen. Es ist unrealistisch, das bei jedem Rennen zu tun. In der Schweiz war es aber möglich, deshalb wollte ich es auch aktiv aufzeigen. In Zukunft möchte ich eine Partnerschaft mit den Austragungsorten im Weltcup aufbauen. Im ersten Schritt in der Schweiz, danach möglicherweise mit der FIS. Es wäre wichtig, Alternativen aufzuzeigen. Aber das wird mir jetzt etwas zu eingleisig.

Was meinen Sie?

Ich will in keinster Weise etwas verteufeln oder bei den Leuten Flugscham erzeugen. Die Reiserei ist ein wichtiger Teil, aber es gibt viele weitere Beispiele aus dem Alltag, wo alternative Wege die nachhaltigeren sind.

Erzählen Sie!

Mir kommt vor, Shopping ist ein großes Tabuthema. Dabei ist die Bekleidungsindustrie für mehr CO2-Emissionen als der gesamte Flugverkehr verantwortlich. Wenn Sie sich qualitativ hochwertige Kleidung kaufen, die länger hält, wäre das eine wichtige Entscheidung.

Das gibt einem tatsächlich zu denken.

Ein erster Schritt ist gemacht. Wir diskutieren über die Ernährung oder den Konsum im Allgemeinen. Mein CO2-Fußabdruck ist auch nicht dort, wo ich ihn gerne hätte. Das hat leider mit meinem Job zu tun. Dieser gibt mir aber eine Stimme, die ich nutzen möchte. Vielleicht fahren dann etwas mehr Leute mit dem Zug in den Skiurlaub.

Michelle Gisin: "Möchte nicht in Kitzbühel am Start stehen"


Sie kommen aus einer skiverrückten Familie. Ihr Bruder sowie Ihr Lebensgefährte sind ebenfalls im Weltcup aktiv. Nimmt der Skirennsport eine Vorreiterrolle in Sachen Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ein?

In gewissen Aspekten durchaus. Mikaela Shiffrin durchbrach als erste Skiläuferin die Preisgeld-Marke in einer Saison von einer Million Franken - und das als Frau. Die Unterschiede liegen aber dennoch auf der Hand.

Die körperlichen Voraussetzungen?

Ich sage es ganz ehrlich: Ich möchte wirklich nicht in Bormio, Wengen oder Kitzbühel am Start stehen. Den körperlichen Unterschied gilt es zu respektieren. In Lake Louise, wo ja beide Geschlechter fahren, wird die Piste extra anders präpariert. Die Männer fahren etwa mehr Wellen.

Sie würden also, anders als etwa Lindsey Vonn, niemals die Streif fahren wollen?

Mein Bruder Marc stürzte in der Abfahrt von Gröden schwer. Ich glaube wirklich nicht, dass das eine Frau überlebt hätte. Es war auch bei ihm schon sehr knapp. Ich kann nicht davon ausgehen, dass mein Körper gleich auf einen Aufprall reagieren würde. Auch die Stürze von Hans Grugger oder Daniel Albrecht sind warnende Beispiele. Männer sind physisch einfach in einem anderen Zustand als wir Frauen. Das bekomme ich jedes Mal im Kraftraum mit Luca (de Aliprandini, Gisins Lebensgefährte, Anm.) oder Marc präsentiert.

Wie äußert sich das?

Ich trainiere mindestens genauso viel wie sie im Sommer. Kraftmäßig komme ich aber niemals an sie heran, das ist unmöglich. Bei Luca komme ich bei der Maximalkraft zirka auf die Hälfte, und das ist schon ein sehr guter Wert. Umso schöner ist es zu sehen, dass Frauen bei guten Bedingungen sehr nahe an die Zeiten der Männer herankommen. Sobald die Sicht schlechter und die Piste schlagiger wird, ist es eine andere Geschichte. Daher sollte man mit solchen Aussagen wie jener von Vonn vorsichtig sein, vor allem in Speed-Disziplinen. Nicht alle Vorschläge sind im Sinne der Gleichberechtigung. Die Thematik bringt mich noch auf einen anderen Gedanken.

Ja?

Ich stelle mir die Frage, ob es korrekt ist, für jeden Weltcup-Sieg 100 Punkte zu vergeben. Ein Kitzbühel-Sieger bekommt genauso viele Zähler wie jemand, der im Parallel-Rennen gewinnt. Manche Wettkämpfe sind einfach schwieriger als andere – das gilt auch für uns Frauen. Diese nicht gegebene Abstufung gilt es zu hinterfragen, das ist nicht optimal geregelt.

Sie haben seinen schweren Sturz schon angesprochen: Wie geht es Ihrem Bruder heute?

Zum Glück wieder sensationell gut. Physisch hat er sich zu 100 Prozent erholt, was absolut unglaublich ist. Er konnte mittlerweile in vollster Gesundheit in Gröden die Piste im Renntempo hinunterfahren. Das war für die gesamte Familie sehr emotional, aber auch für viele andere Athleten, die mitgelitten haben. Mental ist der Sturz im Unterbewusstsein noch sehr präsent, damit hat er zu kämpfen. Marc hat aber die Chance und den Willen, wieder zurückzukommen.

Hatte der Zwischenfall eine Auswirkung auf Ihre Leistungsfähigkeit?

Ich habe sehr gelitten im letzten Jahr. Dementsprechend bin ich etwa auch in Gröden gefahren. Es war aber auch für meine persönliche Entwicklung entscheidend, vielleicht wäre ich sonst nicht mehr auf die Speed-Skier zurückgekehrt.

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