Wenn man das Sprichwort: „Wir haben keine Chance, also nützen wir sie“, ernst nimmt, dann könnte der Donnerstag ein Tag der Österreicherinnen werden. Denn Julia Scheib war in ihrer gesamten Karriere erst ein einziges Mal auf dem Podest, beim Saisonauftakt in Sölden. Danach hakte es immer irgendwo. Laufbestzeiten und starke Abschnitte lassen aber schon erahnen, welch Potenzial in ihr schlummert. Den schnellsten Schwung, wie wir sagen, fährt derzeit mit Sicherheit Federica Brignone, dann aber kommt schon „Julie“, wie sie teamintern gerufen wird. Sie war zuletzt um vier Zehntel voraus, ehe der Ausfall kam. Wenn das nicht Beweis genug ist, was in ihr steckt. . .

Ich bin mir sicher, dass sie es auch diesmal wieder genauso anlegen wird. Auch, wenn das manche nicht verstehen: Die Devise, lieber auszufallen als verbremsen ist die einzig richtige. Denn vom Bremsen hat noch keine was gewonnen, also kann es nur so gehen, indem man nicht zögert. Was es dazu braucht: Man muss vom ersten Schwung an das richtige Gefühl fürs Timing haben. Das wiederum heißt, dass man den Schwung nicht zu früh einleitet – dann muss man ein wenig auf Andriften umstellen –, aber auch nicht zu spät, dann kommt man nämlich nicht mehr zum Tor und verliert Zeit. Vergleicht man den Stil von Federica Brignone und Julia Scheib, fällt auf: Scheib kann den Radius kürzer halten als „Fede“, sie fährt also in Summe weniger Weg – wenn das Timing passt. Auch das kann man erklären: Ein RTL-Ski hat einen Radius von 30 Metern, wenn man ihn voll durchbiegt und es schafft, dass er rund und ohne Rattern durchläuft, sind gezogene Schwünge von 23, 24 Meter Radius möglich. Damit nicht genug: Durch das Biegen des Skis will der natürlich zurück in die Gerade und gibt einem damit noch eine Extrabeschleunigung bei jedem getroffenen Schwung, man wird immer schneller.

Das richtige Timing ist oft eine Frage des Momentums, kommt oft in Kombination von körperlicher Fitness und Selbstvertrauen. Es geht einem dann viel leichter von der Hand. Heute wird das noch etwas schwieriger, denn laut Prognose kann es schneien, die Sicht wird daher nicht gut sein. Im Normalfall ist Brignone wie ihre italienischen Teamkolleginnen da Spezialistin. Auch dafür gibt es eine Erklärung: Die Vorbereitung in Ushuaia im Herbst, wo man sehr viel bei schlechtem Licht trainiert hat. Und natürlich gibt es von Natur aus Spezialisten, so wie bei den Männern Dominik Paris. Der ist umso besser gelaunt, je schlechter die Sicht wird. Schon weil er weiß, dass sich die anderen gar nicht freuen.

Das Problem kennt jeder: Ist die Sicht schlecht, tendiert man dazu, zurückzugehen, wird passiv. Und muss sich daher noch mehr zwingen, offensiv zu fahren.