Ich habe das Posting von Mikaela Shiffrin gelesen, in dem sie erklärt, warum sie bei dieser WM nicht am Riesentorlauf teilnehmen wird können. Wobei „können“ in diesem Fall beinahe wörtlich gemeint ist, denn wollen würde sie. Mikaela Shiffrin schreibt von „posttraumatischer Belastungsstörung“ – und das ist es auch. Ich kann ihre Entscheidung nachvollziehen. Der Sturz im Riesentorlauf von Killington hat sehr viel mit sich gebracht, vor allem sehr viel Schmerz. So etwas auszublenden, ist nicht einfach, letztlich hat sie dieser Sturz, der zunächst als nicht schwerwiegend abgetan worden ist, die Saison gekostet. Ich kann mich erinnern, wie es mir nach dem Sturz in Val d‘Isère gegangen ist. Anfangs schenkst du dem Thema „Angst“ keine Aufmerksamkeit, gibst ihm keine Wertigkeit. Erst beim Trainieren fällt dir auf, dass du unbewusst mit Reserven fährst. Dir selbst fällt gar nicht auf, dass du nicht Gas gibst, du fühlst dich gut, willst mehr Gas geben, mehr attackieren und bemerkst: geht nicht. Irgendwann wird dir bewusst, dass du dich nicht traust, die Erkenntnis taucht auf: Du fürchtest dich. Dann lässt du keine Reserven mehr, du nimmst Tempo raus. Tust du das, wirst du nie mehr Siegläuferin sein, denn mit lauwarm runterfahren gewinnst du keinen Blumentopf. Dazu kommt: Wenn du dich fürchtest, machst du Fehler und es wird gefährlich.

Wenn du an diesem Punkt bist, wird dir klar, dass man das in zwei Wochen auch nicht abstellen kann. Ich habe etwa ganz aufgehört, nachdem ich mich zunächst auf der Abfahrt gefragt habe, was ich da tue. Dann fing es auch im Super-G an, da ging es lange besser, aber unbewusst habe ich auch da Tempo rausgenommen, wenn es Richtung Netz gegangen ist. Ich wurde zögerlich, das Rennfahren damit gefährlich. Das Unterbewusstsein lässt sich nicht abstellen. Die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt, ist ein großer Schritt. Man kann es sicher auch alleine schaffen, aber leichter ist es in diesem Fall, wenn man sich Hilfe holt. Mikaela Shiffrin hat in ihrem Post geschrieben, dass sie den Rat bekam, es weiter zu versuchen. Richtig. Ich habe nach meinem Kreuzbandriss zwei Jahre gebraucht, bis ich wieder voll über einen Sprung fahren konnte. Die Zeit, sagt man, heilt alle Wunden. Manchmal lässt sie sich damit Zeit. Und, siehe oben: Das Unterbewusstsein vergisst keinen Schlag. Ich habe heute noch mitunter Schulterschmerzen, wenn etwas nicht stimmt. Auf der Schulter, mit der ich in Val d‘Isère im Netz eingeschlagen bin.

Nicht ganz so unterbewusst scheint die Entscheidung gewesen zu sein, dass Mikaela nicht mit Lindsey Vonn, sondern mit Breezy Johnson in der Team-Kombination startet. Das macht nicht die beste Stimmung im Team, aber mit Lindsey hätte es wohl keine Medaille gegeben – und die will Shiffrin definitiv.