Es spricht für den Charakter, wenn eine Spitzenathletin nach dem vierten „WM-Blech“ ihrer Karriere keinerlei Enttäuschung an den Tag legt, nicht nach Ausreden sucht oder sich über das fehlende Hundertstelglück beschwert. „Platz vier ist undankbar, aber sicher nicht frustrierend“, sagte Conny Hütter im Ziel der WM-Abfahrt. „Das Fahren hat heute Spaß gemacht und in Erinnerung gerufen, warum ich mit dem Skifahren begonnen habe. Diesen Urgedanken habe ich in den vergangenen Tagen ein bisschen verloren, weil ich nicht das gespürt habe, was ich spüren wollte.“
Ehrliche Worte einer Athletin, die sich mit fortlaufender Karriere zu einer der größten Persönlichkeiten im alpinen Skisport entwickelt hat. Hütters Wort hat Gewicht, ihre Auftritte hinterlassen bleibenden Eindruck, wie auch in den vergangenen Tagen. Als große Favoritin angereist, kam die Kumbergerin überhaupt nicht mit der „Ulli-Maier-Strecke“ zurecht. Am Renntag änderte sich das, auch, weil „wir mit allem gepokert haben, was man sich vorstellen kann. Bis auf Helm und Stecken eigentlich alles. Das war eine coole Entscheidung von mir und meinem Servicemann, die fast aufgegangen wäre.“
Dieses „fast“ bezieht sich auf 0,13 Sekunden, die am Ende auf eine Medaille fehlten. Und dennoch hatte Hütter zum ersten Mal Spaß auf dem Zwölferkogel im Rahmen der Weltmeisterschaft. „Die vergangenen Tage war ich ja meilenweit entfernt, das hat jeder gespürt, auch ich selbst.“ Im Ziel verspürte sie nach der Abfahrt dann vor allem Freude, auch mit ihrer Teamkollegin Mirjam Puchner. „Ich werde den Tag noch mit ihr genießen. Im vergangenen Jahr hat sie mit mir hier gefeiert, heute werde ich mit ihr feiern.“
Assinger in Feierlaune
Apropos feiern. Für dieses Unterfangen gab es von ÖSV-Chefcoach Roland Assinger nach der zweiten Medaille im zweiten Speed-Bewerb grünes Licht – Bettgehzeit gebe es jedenfalls keine. „Wir sind ja kein Kindergarten“, scherzte der Trainer nach dem silbernen Erfolg seines Teams durch Puchner. „Die Athletinnen wissen ja ganz genau, was sie vertragen und außerdem haben sie sicher auch die Team-Kombination am Schirm, in der die Medaillenchancen für uns bestimmt aktiv sind.“ Bis dahin ist noch Zeit, startet der neue Bewerb erst am Dienstag, wenn eine Abfahrerin mit einer Slalomfahrerin um Gold, Silber und Bronze fährt.
Assingers Freude kannte jedenfalls nach der Silbernen keine Grenzen. Schon beim Weltmeistertitel von Stephanie Venier vergoss der Kärntner am Start die ein oder andere Träne. Das änderte sich auch bei Puchners Erfolg nicht. „Weltmeisterin und Vizeweltmeisterin klingt einfach verdammt geil. Dass Mirjam Puchner nach der Goldenen durch Stephanie Venier so nachlegt, ist perfekt.“ Bleibt nur die Frage, ob sich der Trainer den Feierlichkeiten seines Teams anschließt? „Ich gehe nur gemütlich essen, trinke ein Glas Wein und gehe dann früh ins Bett“, sagte Assinger – mit einem Zwinkern.