Jannik Sinner ist ein eleganter Haudrauf. Große Emotionen sind nicht das Ding des Italieners – er lässt lieber seine brachialen Geschosse sprechen. Mit Erfolg, lacht der Italiener doch bereits seit geraumer Zeit von der Spitze der Weltrangliste. In Wimbledon wollte der Sextener nun seinem Tennis-Märchen mit dem ersten Titel auf dem „Heiligen Rasen“ ein weiteres Kapitel hinzufügen. Nach überstandenem Schockmoment im Achtelfinale, wo er nach 0:2-Satzrückstand von der verletzungsbedingten Aufgabe Grigor Dimitrovs profitierte, hatte es sich der 23-Jährige zum Ziel gesetzt, sich als erster Italiener der Geschichte im Tennis-Mekka die Krone aufzusetzen.

Dafür galt es, gegen seinen größten Rivalen Carlos Alcaraz Revanche zu nehmen – für die bittere Fünfsatzniederlage vor rund einem Monat im epischen Endspiel der French Open, wo Sinner drei Matchbälle liegengelassen hatte, ehe er im Champions-Tiebreak des fünften Satzes verlor. Die Erwartungen, erneut einen Tennis-Klassiker serviert zu bekommen, waren groß und auf den Zuschauerrängen tummelten sich angeführt von Herzogin Kate, Prinz William und den Kindern, den Schauspielern Keira Knightley und Nicole Kidman oder auch Milliardär Richard Branson jede Menge Prominenz.

Beide agierten fehleranfällig

Sie alle wurden nach einer Spielzeit von 3:04- Stunden Zeugen von Sinners Titel-Premiere an der Church Road. Mit einem 4:6, 6:4, 6:4, 6:4-Sieg sicherte sich der 23-Jährige seine insgesamt vierte Grand-Slam-Trophäe und verhinderte zugleich den Titel-Hattrick von Alcaraz in London. Für den Südtiroler war es zugleich ein Befreiungsschlag, hatte er doch in den vergangenen fünf Aufeinandertreffen mit der spanischen Ballwand stets den Kürzeren gezogen. Die Belohnung für das Meisterstück auf der Insel: 3,5 Millionen Euro Preisgeld sowie einen Ausbau seines Vorsprungs auf Alcaraz in der Weltrangliste auf 2700 Punkte.

Aber: Das Duell der beiden neuen Tennis-Giganten konnte nicht an den Thriller von Paris anschließen. Zu fehleranfällig agierten beide Protagonisten, wobei Sinner im Gegensatz zu Alcaraz das entscheidende Alzerl mehr zu seinem Toplevel fand. Nach verlorenem ersten Satz massierte der Italiener weit öfter die Rückhand seines Kontrahenten und konnte auch seine Aufschlagquote steigern – Faktoren, die an diesem Tag den Unterschied auf dem Center Court ausmachten.

„Ich lebe meinen Traum“

Nach dem Matchball riss Sinner die Arme in die Höhe, umarmte Alcaraz und kletterte dann in Richtung seiner Spieler-Box, wo er gemeinsam mit seinen Trainern Darren Cahill (ihm folgt 2026 Carlos Moya) und Simone Vagnozzi, Manager Alex Vittur sowie seiner Familie jubelte. Herzogin Kate war es auch, die dem Italiener die Trophäe überreichte. „Es ist so speziell. Meine Eltern, mein Bruder und das gesamte Team sind hier. Mein Bruder aber nur, weil an diesem Wochenende keine Formel 1 ist.“ Und weiter: „Es ist mir gelungen, die bittere Niederlage von Paris wegzustecken. Jetzt bin ich überglücklich – ich bin gesund und lebe meinen Traum.“