Die Tätowierung zwischen Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand sagt viel über seine Bestimmung aus: „Full Gas“ und ein dünner Pfeil in Richtung Daumen. „Break“ also „Bremse“ steht auf dem Zeigefinger. Aleix Espargaró dreht als Motorradprofi seit Jahren am Gashahn, doch der dreimalige Sieger eines Moto-GP-Rennens ist mittlerweile auch Radprofi. Bei der Tour of Austria erfüllt er sich im Alter von 35 Jahren einen Traum. Im World-Tour-Team von „Lidl-Trek“ hat er neben Patrick Konrad und Paul Verbnjak einen Platz erhalten. Und in St. Johann Alpendorf erlebte der Spanier, dass es in Österreich nicht nur auf dem Red Bull Ring hinauf zu Kurve drei, dem spitzen Rechtsknick, richtig steil sein kann.

SANKT JOHANN,AUSTRIA,10.JUL.25 - CYCLING - Tour of Austria, stage 2, Bischofshofen - Sankt Johann Alpendorf. Image shows Aleix Espargaro Villa (ESP/ Lidl-Trek). 
Photo: GEPA pictures/ Wolfgang Kofler
Aleix Espargaro Villa tritt für Lidl-Trek in die Pedale © GEPA pictures

Vollkommen entkräftet kamen die ersten Profis im Ziel an. Stillstand. Ein paar wurden von den Betreuern etwas weiter die Rampe hinaufgeschoben, andere hielten sich an der Absperrung fest und lehnten sich über den Lenker ihrer Maschinen. Das Finale der zweiten Etappe hatte es in sich. Am Ende des langen Anstiegs wartete eine Steigung von 14,8 Prozent und sie wurde zum Schauplatz eines packenden Finales. Alleine bog Alessandro Covi auf die Zielgerade ein. Er war am Limit. Die Zuschauer schrien, schlugen auf die Banden, als der Italiener sich auf die letzten 200 Meter machte. Mit einer beherzten Attacke setzte er sich zuvor im Schlussanstieg ab und der Sieg war zum Greifen nahe. Der Plan des Teams „UAE“ schien nach 142 Kilometern aufzugehen.

Doch Covi wurde langsamer, die Meute flog heran. Es wurde immer lauter und immer enger für ihn, und wenige Meter vor dem Strich wurde er gestellt. Es war Isaac del Toro, der den Sieg an sich riss und so dennoch den Plan des Teams zur Vollendung brachte. „Ehrlich gesagt hätte ich es gerne gesehen, wenn er gewinnt, aber die Gruppe ist wirklich schnell herangeschossen und ich wollte für das Team siegen“, sagte der Mexikaner. Ins schwarze Trikot (Nachwuchswertung) gekleidet und mit der schwarzen, maskenhaften Brille erinnerte er gepaart mit seiner Eleganz und Leichtigkeit auf dem Rad doch ein wenig an Romanheld „Zorro“. Wenngleich er nicht die Armen rächte, sondern eben Covi und die Ehre des Teams verteidigte – Isaac „el Zorro“ quasi.

Großschartner: „Diese Trikots zu haben, fühlt sich sehr gut an“

Um vielleicht einen Zentimeter verpasste Felix Großschartner (UAE/4.) den dritten Platz. Er steckte im Finale fest, bleibt aber Gesamtführender, Punktebester und logischerweise auch bester Österreicher. „Diese Trikots zu haben, das fühlt sich sehr gut an, aber hoffentlich trage ich sie am Sonntag auch noch“, sagt der Oberösterreicher und lacht. „Dass die nächsten Etappen noch härter werden, liegt an uns als Team. Wir sind stark. Isaac ist sicher der Topfavorit, aber ich gebe mein Bestes.“ Doch der Mexikaner erklärt selbstlos: „Wir werden weiter für Felix fahren und es wäre schön, ihn am Ende ganz oben zu sehen.“

Espargaró überquerte gemeinsam mit Konrad und einem Rückstand von 1:23 Minuten die Ziellinie. Während für Konrad damit wohl die Chance auf einen Etappensieg dahin ist, freute sich der Spanier mit Landsmann Héctor Álvarez (Trek) über Platz drei. Danach war er nicht nur unter den (Motorsport-)Fans gefragt. Die standen mit T-Shirts und Postern sowie Stiften bewaffnet vor dem Teambus. Die mussten allerdings vertröstet werden: Erst wartete der Gang zur Dopingkontrolle und dann der zum Arzt, der eine Verletzung versorgen musste. „Es ist brutal. Er lebt dafür und als Profi zu fahren, war sein Traum. Das erfordert eine enorme mentale und körperliche Stärke. Er könnte ja auch einfach ,nur` Motorradfahren und ein bisschen zum Spaß mit dem Rad fahren", sagt Ex-Radprofi Thomas Rohregger, der selbst einst in diesem Team gefahren ist und die Ö-Tour gewann. Espargaró lebt wie auch Trek-Profi Carlos Verona in Andorra und die beiden pflegen eine Radfreundschaft. So kam es zu dem Engagement im World-Tour-Team. Er ist mit 35 Jahren wahrlich ein Spätberufener.

Ganz im Gegensatz zum Tagessieger: Inspiriert von seinem Vater, der Amateurrennen fuhr, strebte Isaac del Toro schon früh nach einer Karriere auf dem Rad. Vom Mountainbike über den Crosser (Querfeldein) kam er zum Rennrad. In den mexikanischen Bergen verfeinerte er seine Kletterqualitäten und gewann mit der Tour de l'Avenir (2023) eines der bedeutsamsten Nachwuchsrennen. Im Jahr darauf fuhr er für „UAE“ und sein Vertrag läuft bis 2029. Das unterstreicht, dass das Team in ihm wohl einen möglichen Nachfolger von Tadej Pogačar sieht.