Olympische Spiele in TokioWeißrussland drohen Sanktionen: IOC untersucht Fall Timanowskaja

Im Fall der mutmaßlich versuchten Entführung von Olympia-Sprinterin Kristina Timanowskaja werden die Rufe nach harten Sanktionen gegen Weißrussland immer lauter.

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Olympia-Sprinterin Kristina Timanowskaja
Olympia-Sprinterin Kristina Timanowskaja © AP
 

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) leitete am Dienstag eine förmliche Untersuchung ein, Athletenvertreter forderten eine sofortige Sperre für das weißrussische NOK.

Die Sportlerin, die der weißrussischen Opposition zufolge "gewaltsam" zur Rückkehr nach Minsk gezwungen werden sollte, machte sich vor ihrer für Mittwoch geplanten Abreise ins polnische Asyl ebenfalls für umfassende Ermittlungen und mögliche Strafen für den Leichtathletik-Cheftrainer des Landes stark. Die 24-Jährige forderte, "die Situation zu untersuchen, wer hat die Anweisung gegeben, wer hat wirklich die Entscheidung getroffen, dass ich nicht mehr teilnehmen darf", wie sie der Nachrichtenagentur AP in einem Video-Interview sagte.

Der Trainer sagte mir, dass ich 40 Minuten habe, um meine Sachen zu packen und zum Flughafen zu fahren.

Kristina Timanowskaja

In einem weiteren Interview berichtete sie in der "Bild"-Zeitung über weitere Einzelheiten. Der Chef-Trainer von Weißrussland sei zu ihr ins Zimmer gekommen und habe ihr gesagt, dass sie am 200-Meter-Sprint nicht mehr teilnehmen werde. "Der Trainer sagte mir, dass ich 40 Minuten habe, um meine Sachen zu packen und zum Flughafen zu fahren", ergänzte die 24-Jährige.

Bereits am Abend zuvor habe der Trainer ihr gedroht. "Ich wollte nicht nach Belarus, weil er mir schon am Abend gesagt hatte, dass ich Probleme bekommen könnte, wenn ich zurückkehre", erzählte Timanowskaja. "Wenn ich die Anweisungen nicht befolge und den Staffellauf nicht mitlaufe, dann würden mich ernsthafte Probleme erwarten: die Entlassung aus dem Nationalteam, womöglich noch mehr."

Auf dem Weg zum Flughafen traf ich die Entscheidung: Ich wende mich an die Polizei, sobald ich am Flughafen bin.

Kristina Timanowskaja

Sie habe ihre Verwandten zu Hause angerufen, ihren Mann und ihre Großmutter. "Ich habe sie gefragt, was ich tun soll und versucht, dabei so viel Zeit wie möglich zu schinden", sagte sie in dem Interview. "Auf dem Weg zum Flughafen traf ich die Entscheidung: Ich wende mich an die Polizei, sobald ich am Flughafen bin."

Sie betonte aber auch, es sei ihr nicht um Politik gegangen, sondern um die Aufstellung der Sprint-Staffel. "Ich habe nur kritisiert, dass unsere Chef-Trainer über das Staffellauf-Team entschieden haben, ohne sich mit den Sportlern zu beraten", erklärte sie. "Dass das solche Ausmaße annehmen und zu einem politischen Skandal werden kann, hätte ich nie gedacht."

Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) kritisierte die Regierung von Weißrussland wegen des Falls Timanowskaja scharf. "Die Machthaber in Minsk haben mit der versuchten Verschleppung von Kristina Timanowskaja gezeigt, dass sie ihre eigenen Sportlerinnen und Sportler - und damit auch die olympischen Prinzipien - verachten", sagte Maas der "Rheinischen Post" (Mittwoch). Das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko sei politisch und moralisch bankrott.

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki attackierte die weißrussische Spitze scharf. Er forderte, die "Aggression der weißrussischen Sicherheitsdienste auf japanischem Gebiet" müsse auf "entschiedenen Widerspruch der internationalen Gemeinschaft stoßen". Das humanitäre Visum für die Leichtathletin will er als Signal verstanden wissen. Polen, das Timanowskaja ein humanitäres Visum angeboten hat, werde weiter verfolgte weißrussische Oppositionelle und das gesamte weißrussische Volk unterstützen. "Wir lassen euch nicht allein", sagte Morawiecki.

Timanowskaja war wegen kritischer Äußerungen gegen Sportfunktionäre ihrer Heimat ins Visier der weißrussischen Behörden geraten. Am Flughafen Haneda hatte sie den Rückflug verweigert und sich an die japanische Polizei gewendet. "Sie ist erschöpft, verängstigt, aber sehr dankbar für unsere Hilfe in dieser extrem schweren Zeit in ihrer Sportkarriere", teilte der polnische Botschafter in Japan, Pawel Milewski, mit. Am Dienstag postete Milewski ein gemeinsames Bild und schrieb: "Ihr geht es gut."

Auch das IOC beteuerte, Timanowskaja habe in mehreren Gesprächen gesagt, sie fühle sich "sicher und geschützt". Bis zum Dienstag sollte das Weißrussische Olympische Komitee in der Sache Stellung beziehen. "Wir müssen alle Tatsachen feststellen und alle Beteiligten anhören, bevor wir weitere Maßnahmen ergreifen", sagte IOC-Sprecher Mark Adams. Wann das IOC seine Ermittlungen abschließen werde, wollte Adams nicht sagen. "Diese Dinge brauchen Zeit. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen", erklärte er.

Sportler-Bündnisse wie Global Athlete machten sich für ein hartes Durchgreifen stark. "Das IOC sollte das Weißrussische Olympische Komitee sofort suspendieren und allen Sportlern aus Belarus erlauben, als neutrale Athleten unter der olympischen Flagge zu starten", sagte Global-Athlete-Generaldirektor Rob Koehler dem kanadischen TV-Sender CBC.

Das NOK von Weißrussland ist schon seit einiger Zeit beim IOC in Ungnade gefallen. Machthaber Lukaschenko, der lange auch das NOK führte, und sein Sohn Viktor, der nun Verbandschef ist, wurden von allen olympischen Aktivitäten und damit auch den Tokio-Spielen ausgeschlossen. Die Führung des NOK um die Lukaschenkos habe Athleten nicht ausreichend vor politischer Diskriminierung innerhalb der Sportorganisationen des Landes geschützt, begründete IOC-Chef Thomas Bach im vergangenen Dezember die Sanktionen. Auch alle finanziellen Zuwendungen für das NOK von Weißrussland wurden vorerst eingestellt.

Timanowskaja hielt sich auch am Dienstag in der polnischen Botschaft in Tokio auf. Dort erwarte sie den Flug nach Polen, sagte Vize-Außenminister Marcin Przdacz der BBC. "Sie ist hochwillkommen, ihre sportliche Karriere auf polnischer Erde fortzusetzen", betonte er. Genau das hat die Sprinterin wohl vor. "Ich würde sehr gern meine sportliche Laufbahn fortsetzen, weil ich erst 24 bin und Pläne für mindestens zwei weitere Olympische Spiele hatte", sagte sie.

Arseni Sdanewitsch in der Ukraine

Im Moment aber sorge sie sich nur um ihre Sicherheit. Auch ihr Mann war offenbar ins Visier der weißrussischen Behörden geraten. Der Sprecher des ukrainischen Innenministeriums, Artjom Schewtschenko, bestätigte der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag, dass er sich inzwischen in der Ukraine aufhalte. Er habe sich entschieden, Weißrussland zu verlassen, als seine Frau ihm gesagt habe, dass sie nicht zurückkehren werden, sagte Arseni Sdanewitsch der Nachrichtenagentur AP. "Es war sehr plötzlich. Ich hatte nur eine Stunde, um meine Sachen zu packen."

Das IOC hat nach eigenen Angaben das Nationale Olympische Komitee Polens mit der Frage kontaktiert, wie man Timanowskaja in Zukunft unterstützen könne. "Unsere allererste und oberste Priorität ist die Sicherheit der Athleten", sagte IOC-Sprecher Adams. Die Vorgehensweise des IOC solle nicht nur weißrussische Sportler, sondern alle Athleten darin bestärken, dass sie beim Dachverband mit ihren Sorgen auf offene Ohren stoßen.

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