Diagnose Parkinson, unheilbar, unberechenbar. Die Problematik: Die Nervenkrankheit ist größtenteils unkalkulierbar. Sie schleicht sich leise ins Leben ein und nimmt nach und nach die Selbstverständlichkeit jeder Bewegung. Eine Schocknachricht, die Tom Herzog 2019 erhielt. „Meine Mama ist nach dem EM-Titel gestorben und kurz nach der Weltmeisterschaft in Inzell, wo Vanessa Gold holte, wurde diese Krankheit diagnostiziert. Mir wurde mitgeteilt, dass ich zwölf von 15 Hinweisindikatoren aufweise. Und irgendwann habe ich einfach gemerkt, dass dieses Verbergen für mich zur Last wurde und in meinem Job geht’s darum, dass ich mich zurückschrauben muss, da 200 Tage im Jahr nur Vanessa zählt. Ich muss funktionieren, da bleibt keine Kraft, zu versuchen etwas zu verheimlichen“, erzählte Tom damals und war sich dementsprechend bewusst, sich nicht verstecken zu wollen, denn hinter jedem Zittern steht ein Mensch mit Erinnerungen, Hoffnungen und einer Stärke, die oft größer ist als die Krankheit selbst.
Herzog verriet diesbezüglich, dass ihn der tragische Unfall von seiner damaligen Athletin, Ex-Stabhochspringerin Kira Grünberg, die seit einem Trainingssturz querschnittsgelähmt ist, geprägt hat. „Sie war so stark und tapfer, dass ich mir geschworen habe, egal was auf mich zukommt, dass ich nicht aufgebe.“ Es sind schließlich Worte, die einen selbst nachdenklich stimmen, aber auch Worte, die Mut verlangen.
„Zum Operieren wäre er komplex“
Doch nun der nächste Schockmoment: Beim 56-Jährigen wurde ein Gehirntumor diagnostiziert. Herzog hielt sich in Thailand auf, um seine Parkinson-Erkrankung genauer abchecken zu lassen. „Die Parkinsontests waren zufriedenstellend, wenn jetzt nicht der Gehirntumor wäre. Es laufen finale, engmaschige Untersuchungen, es muss vorher alles abgeklärt werden, bevor die Therapie startet. Was ich sagen kann, ist, dass der Tumor in etwa einen Zentimeter groß ist, aber an einer richtig blöden und sehr problematischen Stelle liegt. Er darf daher nicht wachsen, denn zum Operieren wäre er komplex. Man muss sich vorstellen, die Wahrscheinlichkeit, einen Sechser im Lotto zu gewinnen, ist zweimal höher, als Parkinson und einen Gehirntumor zu haben“, erklärt Herzog, der am Montag aus Asien zurückgekehrt ist.
„Ich habe die Diagnose sofort akzeptiert und versuche jetzt Lösungen zu finden, denn er ist jetzt eben da“, verdeutlicht Herzog, der sich im Bumrungrad-Hospital bestens aufgehoben gefühlt hat. „Sie sind weltweit führend in der Parkinsonforschung. Du kannst hier einen Hardware-Check innerhalb von drei bis vier Tagen sowie zahlreiche Therapien in einem kurzen Zeitraum nutzen. Es gibt 52 Spezial-Neurologen und du bist hier wirklich willkommen. Es nimmt einen in Bangkok jeder bei der Hand und tanzt mit dir“, erzählt der Wahl-Kärntner, der in drei Monaten wieder nach Thailand fliegt.
„Darauf beruht meine ganze Hoffnung“
„Wenn der Tumor nicht weiter ausstrahlt, genieße ich mein Leben weiter. Wenn er es tut und ich in einem Jahr sterben sollte, habe ich mein Leben auch genossen.“ Herzog hofft auf die sogenannte „inversive Komorbidität“, sprich: es bezeichnet ein medizinisches Phänomen, bei dem das Vorliegen einer bestimmten Erkrankung das Risiko für eine andere Erkrankung signifikant senkt. „Der Tumor dürfte nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht wuchern. Darauf beruht meine ganze Hoffnung.“
Wie ein Fels in der Brandung steht Vanessa („Wir sind Rückschläge gewöhnt, schaffen alles“) hinter ihrem Mann und Trainer. Das Duo ist seit 2016 verheiratet und geht seit 2015 durch dick und dünn – inklusive zahlreicher Höhenflügen und Tiefschläge. Und gerade die beschwerlichen Lebensabschnitte haben ihre Beziehung gestärkt. Im Sommer fliegt die Weltmeisterin von 2019 allein über den großen Teich, wo die 30-Jährige in Milwaukee (USA) – dem High-Tech-Labor des US-Teams mit der Gruppe des zweifachen Olympiasiegers von 2026, Superstar Jordan Stolz trainieren wird. „Wenn wir eine Olympiamedaille holen sollten, dann ist es die verdienteste in der Sportgeschichte.“