Dank eines 2:1-Heimsieges über RB Leipzig sicherte sich der FC Ingolstadt vorzeitig den Meistertitel in der zweiten deutschen Bundesliga und den damit verbundenen erstmaligen Aufstieg ins Oberhaus. Verantwortlich für den Erfolg zeichnet Trainer Ralph Hasenhüttl. Der Steirer hier im Interview:

Gratulation zum Bundesliga-Aufstieg. Zuerst aber: Was sagt Ihnen Eisenstadt?
RALPH HASENHÜTTL: Gegen Eisenstadt habe ich 1989 mein erstes Tor für den GAK im Casino-Stadion geschossen. Ein ganz wichtiges, zum Aufstieg vom mittleren Play-off in die Erste Division. 15 Minuten vor Ende bin ich reingekommen und habe den Ball per Schienbein über die Linie gedrückt.

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26 Jahre später führen Sie Ingolstadt als Trainer in die Deutsche Bundesliga. Wie fühlt sich das an?
HASENHÜTTL: Sehr befriedigend. Wir haben in den vergangenen eineinhalb Jahren viel bewegt und aufgebaut, was keiner für möglich gehalten hat. Das ist wohl noch befriedigender als mit Bayern München Meister zu werden. Dort ist das ja normal.

So feierten die Ingolstädter:

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Hätten Sie sich Ihre Karriere so vorgestellt?
HASENHÜTTL: Gar nicht. Ich habe Sport studiert, wollte etwas mit Sport machen, obwohl bei einem Berufseignungstest Förster herausgekommen ist. (lacht)


War das keine Alternative?
HASENHÜTTL: Ich bin gerne im Wald, aber froh, dass ich im Fußballgeschäft bin. Da musst du Entscheidungen treffen und weißt erst im Nachhinein, ob sie richtig waren. Ich glaube, ich habe nicht viele falsche Entscheidungen getroffen, ob als Trainer oder als Spieler. Im Endeffekt haben sie zu dem geführt, was ich mir versprochen hatte – als Mensch und als Sportler reifer zu werden und zu lernen. Auch mit allen Niederlagen. Ohne die hätte ich meine ganzen Siege nie so schätzen können. 


Wie gut war der Spieler Ralph Hasenhüttl?
HASENHÜTTL: Ich war ein guter Sportler, aber es gab weitaus bessere Fußballer als mich. Entscheidend war die Fähigkeit, gut und vor allem schnell zu lernen. Ich musste mir alles beibringen. Das hilft mir als Trainer zu vermitteln, was man tun muss, um besser zu werden. Aufgrund meiner Erfahrungen habe ich auch Verständnis, wenn mein Spieler aus einem Meter über das Tor schießt. (lacht)

Waren Sie ein harter Arbeiter?
HASENHÜTTL: Nein. Meine Einstellung war nicht die Allerbeste, vor allem in Österreich. Im Ausland dann schon eher, weil du dich da mehr behaupten musst. Ich hätte eigentlich früher gehen müssen.

Am Ende Ihrer Karriere haben Sie mit Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger bei den Bayern Amateuren gespielt.
HASENHÜTTL: Von denen habe ich viel gelernt. Die haben keinen Fehler gemacht. Die hatten immer eine Lösung, auch wenn es eng war. Da lernst du noch, vorausgesetzt, du bist bereit zu lernen. Das war ich mit 35 noch. 

Im Laufe Ihrer Karriere spielten Sie unter Adi Pinter, Herbert Prohaska, Josef Hickersberger, Otto Baric, Bernd Schuster, um nur einige zu nennen. Wie haben diese Trainer Ihren Stil beeinflusst?
HASENHÜTTL: Ich habe von allen etwas mitgenommen. Und wenn es nur das war, dass ich gewisse Dinge anders machen würde.

Sie gehen heute als Trainer aber anders mit Ihren Spielern um, als es Ihnen selbst widerfahren ist.
HASENHÜTTL: Ja. Wichtig ist, dass ein Trainer mit dir so umgeht, wie du möchtest, dass er mit dir umgeht. Egal, ob Nachwuchsspieler oder Superstar – jeder will sich gut behandelt fühlen. Ich bin kein Alleinherrscher und versuche andere Meinungen einzuholen. Aber die Entscheidung treffe am Ende ich, und zwar mit voller Überzeugung. Mit Mut. Du musst immer mutig bleiben und oft Entscheidungen treffen, die nicht jeder nachvollziehen kann. Es gibt nichts Schlimmeres, als danach das Gefühl zu haben, das war feige und du hast etwas entschieden, weil du Angst hattest, dich dafür rechtfertigen zu müssen. Das darfst du nicht machen.

Warum übertragen Sie allen Spielern viel Verantwortung?
HASENHÜTTL: Ich hasse diese Führungsspieler-Diskussion. Bei mir muss jeder auf dem Platz Führung übernehmen. Und das tut auch jeder, weil er weiß, dass er Fehler machen darf. Er muss nur bereit sein, daraus zu lernen.

Warum folgen Ihnen Ihre Spieler so bedingungslos?
HASENHÜTTL: Weil ich ihnen etwas vermittle, von dem sie das Gefühl haben, damit Spiele gewinnen zu können. Und wenn das relativ oft passiert, steigert sich der Respekt. Wenn du fünf Mal in Folge verlierst, werden sie dir nicht mehr glauben, was du ihnen sagst. Aber das habe ich zum Glück noch nicht erlebt.

Wollten Sie eigentlich immer Trainer werden?
HASENHÜTTL: Ich war ein sehr kritischer Spieler. Mich hat interessiert, ob ich das selbst besser machen könnte. Wenn die anderen beim ersten Kommando schon losgelaufen sind, habe ich mir überlegt, warum ich loslaufen soll. Was bringt mir das, wenn ich fünf Runden in dem Tempo laufe. Irgendwann möchte man selber sehen, ob man es besser kann.

Können Sie es besser?
HASENHÜTTL: Am Anfang hast du gar keinen Plan. Ich hatte nicht einmal eine gescheite Philosophie, was ich spielen möchte. Ich habe ein bisschen von all meinen Trainern mitgenommen. Alles Weitere erlernst du durch Versuch und Irrtum. Du sammelst Erfahrungen und je mehr du sammelst, je mehr Zeit du hast, Fehler zu machen, ohne dass du von der Presse zerpflückt wirst, desto besser bist du später als Trainer. 

Es war also ein Glück, dass Sie von unten angefangen und sich hochgearbeitet haben?
HASENHÜTTL: Ich beneide die Trainer nicht, die sofort in der Bundesliga bei den Top fünf einsteigen. Was soll denn da an Entwicklung kommen, wenn du bei Bayern einsteigst oder bei der deutschen Nationalmannschaft. Ich bin sehr dankbar, wie sich meine Karriere bis dato entwickelt hat. Zuerst Jugendmannschaft, dann Ko-Trainer und dann in die Verantwortung gespült – besser hätte ich es mir nicht wünschen können. Wobei mir als Österreicher in Deutschland klar war: Das ist die eine Chance, eine zweite bekommst du nicht. 

Woher kommt denn die Demut, dieser Zugang zum Ganzen?
HASENHÜTTL: Ich weiß nicht, warum ich so ticke. Ich gehe auch oft jemandem am Nerv, wenn ich 30 Mal am Tag sage, wie schön alles ist, wie herrlich das Leben ist und wie gut es uns allen geht. Ich schätze das Leben unglaublich. Vielleicht, weil ich mir alles erarbeiten musste und mir nicht alles auf dem Tablett serviert wurde. Vielleicht weiß ich deswegen, wie viel harte Arbeit dahintersteckt. Du wachst mit Fußball auf und gehst mit Fußball schlafen. Diesen Hunger musst du haben. Ich weiß nicht, ob den jeder hat, der als Fußballer Weltmeister geworden ist. 

Jetzt können Sie den Hunger in der Bundesliga stillen.
HASENHÜTTL: Klar ist das Ziel, sich auf dem höchsten Level zu messen. Was mich am meisten interessiert: Neugierde, wie schwierig ist es, dort oben zu bestehen? Wie gut sind die Trainer und die Teams? Was kannst du mit deiner Taktik und deiner Herangehensweise noch bewirken oder ist es gar nicht möglich, gegen manche Teams zu gewinnen? Das sind die Dinge, die mich antreiben.

INTERVIEW: MICHAEL LORBER, KLAUS MOLIDOR