Für die Speed-Piloten des alpinen Skiweltcups geriet der erste Super-G der Saison auf der „Birds-of Prey“-Piste in Beaver Creek zu einem zwar exquisiten, aber auch nicht ganz gefahrlosen Balanceakt. Die Rennfahrer bewegten sich auf einer sehr schmalen Spur, angesiedelt zwischen dem Gefühl für das gerade noch zulässige Tempo und der grenzwertigen Absicherung für die Kurven. Wer nur leicht von der Linie abdriftete, musste von der Strecke weichen. Gefühlt war vor allem in den ersten 20 Minuten im Schnitt jedes dritte Tor mit einem erhöhten Ausfallsrisiko behaftet. Das führte dazu, dass von den ersten zehn gestarteten Teilnehmern nur vier das Ziel erreichten.
Und so wurde dieser Super-G zu einem aufregenden Zweikampf zwischen den beiden Abfahrtsduellanten der vergangenen Saison, in dem der große Dominator seinen waghalsigen Herausforderer knapp in die Schranken wies. Marco Odermatt, am Vortag Abfahrtszweiter, gewann das Rennen 18 Hundertstel vor Cyprien Sarrazin, der zwischenzeitlich knapp voran gelegen war. Das Stockerl vervollständigte ein Überraschungsmann und der kommt diesmal aus Österreich. Der 23-jährige Vorarlberger Lukas Feurstein schnappte sich mit Startnummer 24 Rang drei und damit seine erste Podestplatzierung.
Die Österreicher zeigten sich generell gegenüber dem enttäuschenden Gesamteindruck von der Abfahrt signifikant verbessert. Ein dennoch nicht zufriedener Vincent Kriechmayr wurde Sechster, die Steirer Daniel Danklmaier und Stefan Eichberger landeten an der 9. bzw. 14. Stelle. „Das ganze Team präsentiert sich stark“, stellte Feurstein das Gemeinwohl vorerst vor seinen eigenen Erfolg. Neben dem grandiosen Ergebnis freut ihn aber vor allem, endlich „schmerzfrei Skifahren zu können. Das war in den vergangenen fünf Jahren nicht der Fall.“ Die Piste habe sich als „technisch anspruchsvoll“ erwiesen, womit der ÖSV-Mann glatt untertrieb.
Feurstein hatte sich haarscharf an der Kante bewegt und schien bei seinen wiederholten Grenzerfahrungen auf der Piste mit Nerven aus Stahl versehen zu sein. Er war spät genug ins Rennen gegangen, die Ausfallsserie lag schon länger zurück. Anders verhielt es sich bei Kriechmayr, der beim Start via TV mitansehen musste, wie seine Weltcup-Kollegen, unter anderem der glänzend unterwegs gewesene Raphael Haaser, reihenweise abgeworfen wurden. „Ich habe angeschwitzt“, beschrieb Österreichs bester Speed-Fahrer seine nach eigenem Dafürhalten viel zu übertriebene Vorsicht. „Ich habe viel zu viel Tempo herausgenommen. Ich hätte dem treu bleiben müssen, was ich mir vorgenommen habe.“
Gas geben und schlau fahren
Odermatt hielt den allgemeinen und eigenen hohen Ansprüchen stand. „Ich liebe diesen Super-G, es ist der technisch schwierigste im Weltcup und als Riesentorläufer hat man da die besten Voraussetzungen.“ Der Schweizer bewältigte den Parcours und erklärte, warum. „Man muss Gas geben, aber auch schlau fahren, das ist mir gelungen.“
Mit dem Norweger Fredrik Moeller und dem Italiener Giovanni Franzoni klassierten sich noch zwei weitere Überraschungsleute als Vierte im Spitzenfeld. Und vor elf Monaten durch einen Kreuzbandriss vom Weltcupgeschehen abgeschnittene französische Altmeister Alexis Pinturault gab mit Rang zehn ein äußerst gelungenes Comeback.