„Dass ich noch so rennen konnte, ist eh unvorstellbar.“ Brigitta Senekowitsch kann sich noch lebhaft an jenen Dezembertag im Jahr 1967 in Wolfsberg im Schwarzautal erinnern. Die damals 19-Jährige war gerade am Heimweg von einem Kinobesuch mit der ebenfalls 19 Jahre alten Anna Platzer, als die beiden aus einem fahrenden Auto (es war ein Fiat 1500) angeschossen wurden. „Er ist stehen geblieben, wir dachten, es sei ein Bekannter, der uns mitnehmen will. Auf einmal trifft er mich am Bauch und meine Freundin an der Hand.“ Senekowitsch reagierte in dieser Ausnahmesituation geistesgegenwärtig und prägte sich das Kennzeichen ein.

„Dann ist er ganz langsam zurückgefahren und hat uns gesucht“, erzählt Senekowitsch von den dramatischen Momenten. Ihre Rettung war, dass sie es trotz der Schussverletzungen schafften, zum nächsten Haus zu laufen. Als Senekowitsch ihren Mantel öffnete, fiel ein Projektil heraus, sie hatte einen Nierendurchschuss. Ihre Freundin wurde an der Hand getroffen. Beide wurden in Wagna notoperiert.

Über das Kennzeichen konnte die Gendarmerie rasch den Schützen ausfindig machen und festnehmen. Franz K. (23) bestritt nicht, geschossen zu haben (die Tatwaffe samt Schalldämpfer sowie eine zweite Pistole wurden bei ihm gefunden), doch er behauptete, nur wahllos aus dem Auto gefeuert zu haben, dass er die beiden Frauen nicht gesehen habe und nur zufällig getroffen habe. In seiner Arrestzelle nahm er sich noch in derselben Nacht das Leben.

15-Jähriger am Fahrrad erschossen

Darum konnte er auch nicht zu einer ähnlichen Tat befragt werden, die sich wenige Monate zuvor nahe Maribor zugetragen hatte. Dabei wurde der erst 15-jährige Drago Saletinger auf seinem Fahrrad erschossen. Zeugen sprachen von einem fast lautlosen Schuss sowie von einem Fiat 1500 mit steirischem Kennzeichen.

Die Untersuchung der Projektile ergab, dass die tödlichen Schüsse aus einer Waffe von Franz K. stammten. Doch einige Zeugen berichteten von einer zweiten Person im Auto. Und so begannen sich die Ermittler für Franz K. senior (41) zu interessieren. Der Grund: Vater und Sohn waren Jahre zuvor beim gemeinsamen Wildern erwischt worden und in der Nachbarschaft gemeinhin als Waffennarren bekannt.

Vater und Sohn experimentierten mit Schalldämpfern

Die Befragung von Franz K. senior brachte das bizarre Motiv der Taten ans Licht. Gemeinsam mit seinem Sohn hatte er seit Jahren mit selbstgebauten Schalldämpfern herumexperimentiert. „Dass es möglich wäre, jemanden aus dem fahrenden Auto fast lautlos zu erschießen, so dachten die beiden Männer, würde für einen Geheimdienst ein starker Anreiz sein, ihre Schalldämpfer zu kaufen“, schrieb die Kleine Zeitung damals. Die beiden Männer dachten, sie würden etwas Neues entwickeln, in Wahrheit existierten Schalldämpfer schon seit Jahrzehnten …

Obwohl Franz K. senior mehrere widersprüchliche Versionen zu den Ereignissen am Tag der Tat in Slowenien auftischte, konnte ihm keine Beteiligung nachgewiesen werden – im Gegenteil: Die Gendarmen ermittelten, dass er zum Zeitpunkt der Tat nicht vor Ort war. Kurz geriet der Vater auch für einen Mord, der sich 1964 in Pernegg (nahe Bruck an der Mur) ereignet hatte – ebenfalls mit Schalldämpfer – unter Verdacht. Doch auch in diesem Fall entlasteten ihn die Ermittlungen und die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Somit kam es weder in diesem Fall noch wegen des Todes des Hauptverdächtigen in den Fällen in Wolfsberg und Slowenien zu einer Hauptverhandlung.

„Ich bin kein ängstlicher Mensch“

Brigitta Senekowitsch fällt es knapp 60 Jahre später nicht schwer, über das Verbrechen zu sprechen: „Das hat mir nie etwas gemacht, ich bin kein ängstlicher Mensch.“ Im Gegenteil: Die rüstige Pensionistin lacht, als sie erzählt, dass sie zu Weihnachten vom Krankenhaus heimkam und zu Silvester gleich wieder ausgehen wollte, ihre Eltern sie aber nicht ließen. Nachsatz: „Heute verstehe ich es auch.“

© David Knes

Ein romantischer Nebenschauplatz war das Krankenhaus: Ihre an der Hand getroffene Freundin hat dort nämlich die Liebe gefunden. „Sie hat dort ihren Gusti kennengelernt. Er ist immer mit einem Gipshaxen herumgerannt und dann – tja“, lächelt Senekowitsch.