Schreibende Emanzipation vom Vater
Den Anfang machte die in Bangladesch geborene und in Köln lebende Autorin Fatima Khan (37), die einen Auszug aus ihrem in Arbeit befindlichen Debütroman "Madonna in den Trümmern" vortrug, in dem sie sich mit der Architektur Kölns sowie der Architektur ihrer Familie auseinandersetzt. In einem Brief an ihren Vater reflektiert die Erzählerin über ihre Migrationsgeschichte, religiöse Autorität, familiäre Gewalt und die Schwierigkeit, sich als Tochter und Schreibende in einer neuen kulturellen Umgebung zu behaupten. Die Mutter bleibt eine stille, geschundene Figur, der Vater ein mächtiger Schatten. Für die Erzählerin wird das Schreiben wie das Erkunden der Geschichte ihrer Heimatstadt zur Überlebensstrategie und Selbstermächtigung.
Die Jury verfiel sogleich in eine Diskussion, inwiefern erklärende Passagen etwa über den Islam oder die Kölner Stadtteile etwas in einem Brief an den Vater zu suchen hätten, der mit diesen Inhalten ja vertraut sei. Juryvorsitzender Klaus Kastberger störte sich an den Beschreibungen der Stadt, die er als "Reiseführerprosa" bezeichnete. Auch Thomas Strässle fand die "Wikipedia-artigen Stellen" weniger geglückt. "Ich hätte mir mehr Sichtbeton erwartet, also literarische Stellen, die authentisch sind", so Kastberger. Philipp Tingler tat den Text als "relativ konventionell" ab und hielt sich weitgehend zurück. Brigitte Schwens-Harrant störte sich an "Trümmern", die im Text nichts zu suchen hätten. Es gab aber auch positive Stimmen: Eine "wirklich superstarke Etüde über das Schreiben und Finden einer Sprache" ist "Madonna in den Trümmern" für Laura de Weck. Mithu Sanyal, die die Autorin eingeladen hat, lobte die "Suchbewegung des Textes", Mara Delius gefiel der Tonfall. Problematisch war, dass die Autorin den Text aufgrund der Überlänge kurz vor der Lesung noch kürzen musste, weshalb die Jury immer wieder Passagen hervorhob, die - leider - nicht zu hören waren.
Eine Familie muss sich verabschieden
Die 1996 in Bamberg geborene Nefeli Kavouras ist eine der Jüngsten im heurigen Teilnehmerfeld. Auf Einladung von Laura de Weck las sie aus ihrem Text "Zentaur", in dem der Tod von Georg, Vater und Ehemann, eine Familie in den Sog existenzieller Fragen und emotionaler Spannungen zieht. In kurzen, eindringlichen Szenen aus verschiedenen Perspektiven wird das Wechselspiel zwischen Tochter, Mutter und der sterbenden Figur Georg erzählt. Während die Mutter mit der Palliativpflege hadert, sucht die Tochter in den Sommerferien lieber nach ihrer ersten großen "Liebesgeschichte". Ungeschminkt spiegelt der Text Themen wie Krankheit, Verantwortung, Loslassen und das Ende eines Lebens, an dem eine große, auf den Titel verweisende Verwandlung stattfindet.
Etwas einhelliger zeigte sich die Jury nach dieser zweiten Lesung: Kastberger sah die Genrevorgabe eines Textes über das Sterben beim Bachmann-Preis "selten so gut eingelöst", Schwens-Harrant lobte die "grandiose Konstellation, dass eine Frau einen Partner verliert und die andere einen gewinnt". Der "Wechsel in der Innerlichkeit der Figuren zwischen Ekel und Liebe" beeindruckte Laura de Weck ebenso wie die gewonnene Erkenntnis, "dass man in der Zeit zwischen Leben und Tod ein neues Wesen wird". Delius bekrittelte jedoch, dass die verschiedenen Perspektiven auf der sprachlichen Ebene in Hinblick auf den Erzählton zu wenig ausdifferenziert sei. Tingler ortete eine "seltsame Mischung von eindringlichen Passagen, die eine gewisse Literarizität aufweisen, und völlig banalen Sätzen, die das wieder kaputt machen", fand das Thema des Wartens auf das Sterben jedoch "interessant".
Sarkastische Sprachentgleisungen bei Max Höfler
Mit Max Höfler beschloss der erste Österreicher im heurigen Teilnehmerfeld den Vormittag. In seinem von Klaus Kastberger eingeladenem Text "Lambada Tutto Gas" verhandelt der mit dicken Goldketten behängte Steirer mit den Dreadlocks in sarkastisch-überdrehter Sprache Konsum und Computerprobleme, wobei er sich gleich zu Beginn bei den Zuhörenden für die ihm geschenkte Aufmerksamkeit bedankte: "Denn nichts ist teurer als eure teure Lebenszeit, die dann einfach vorbei ist, wenn es aus ist." Zum Vortrag kamen Bilder auf Tafeln und eine (mutmaßlich) von ChatGPT erstellte literaturwissenschaftliche Einordnung des Textes.
"Das ist eine bedrohte Form, solche Texte wird es nicht mehr lange geben", ätzte Tingler, und Strässle zeigte sich "ein bisschen enttäuscht, ich hatte ein riesen Spektakel erwartet". Der Text selbst habe ihn aufgrund der "immer selben Klimax-Rhetorik" nicht überzeugt. Sanyal wiederum zeigte sich sehr angetan "von der Mischung von Hohem Ton mit Fäkalien und Sperma", de Weck sei im Laufe des Textes die Lust am Lachen vergangen. Delius hätte sich auf sprachlicher Ebene "viel mehr Sprünge in der Schüssel gewünscht". "Sie haben gerade vorgeführt bekommen, was wirklich österreichische Literatur ist", sprang Kastberger seinem Autor bei. Und Schwens-Harrant sekundierte: "Was er aus Sprichwörtern und Redewendungen macht, das ist schon hohe Sprachkunst."
Nachwendetext und Diskursfläche
Die in Berlin lebende Autorin und Filmregisseurin Laura Laabs startete nach der kurzen Mittagspause mit "Adlergestell" in den Nachmittag und widmete sich dem Aufwachsen im Ostdeutschland der Nachwendezeit. Zwischen Plattenbausiedlung, Schule und kindlicher Beobachtung spiegelt sich der gesellschaftliche Umbruch im Kleinen. Die Rahmung durch einen Bezug auf Anna Seghers und der in die Gegenwart führende Schlusspunkt mit der Radikalisierung der Erzählerin führte in der Jury zu Kontroversen.
Der AfD-Bezug in den letzten drei Sätzen sei "als Effekt unnötig, wie drangetackert" (Delius), der Knalleffekt sei im Text "nicht angelegt" (Tingler) und der "politische Marker am Ende stört" (Strässle). Für Schwens-Harrant ist die Seghers-Rahmung "sehr gewagt", zudem würden Metaphern im Text zu oft erklärt, Strässle kritisierte "zum Teil sprachliche Manierismen". Tingler empfand den Text "in seinen Erklärungsmustern sehr deterministisch". Das größte Lob kam schließlich von Kastberger: "Es ist ein sehr konventioneller Text, brav geschrieben und trotzdem gefällt er mir." Die Autorin wehrte sich in einer Wortmeldung vehement gegen den Effekt-Vorwurf, der Text lege sehr wohl "Spuren ins Heute".
Den Abschluss des Lesetages bildete der Auftritt der gebürtigen Oberösterreicherin Verena Stauffer, die mit ihrem Lyrikband "Kiki Beach" jüngst große Erfolge feierte. Sie verhandelt in ihrem von Klaus Kastberger eingeladenen Text "Die Jäger von Chitwan" Tier-Mensch-Konflikte im nepalesischen Chitwan-Nationalpark und seziert darüber hinaus Gewalt, Machtverhältnisse, koloniale Blicke und globale Krisen.
Bei der Jury kam der Beitrag - mit Ausnahme von Kastberger - nicht an. Sanyal würdigte zwar den Rhythmus des Textes, inhaltlich hatte sie jedoch "mit ganz großem Unwohlsein" zu kämpfen, sie habe mit jeder getroffenen Aussage "ein Problem", die präsentierten Lösungen seien "unterkomplex". "So ziemlich alle Themen der Gegenwart werden durcheinandergemixt", monierte Strässle, vom Villach-Attentat bis zum Klimawandel, von 9/11 bis zu russischen Hackern. Für Delius erschloss sich nicht, "wie die Motivfelder ineinandergreifen", de Weck kritisierte, "dass der Text so tut, als wüsste er, woher alle Probleme kommen und wie man sie löst". Tingler, dem sich der Inhalt nicht erschloss, anerkannte jedoch "den künstlerischen Gestaltungswillen, aber für mich ist es too much". "Das ist eine Diskursfläche, die sich hier aufbereitet", erklärte schließlich Kastberger und lobte den "hoch gegenwärtigen Text, der eine literarische Beziehung zu den Problemen der Welt aufbaut."
Gangl startet morgen in den Tag
Am Freitag und Samstag folgen die übrigen neun Lesenden, darunter die Steirerin Natascha Gangl (Freitag, 10 Uhr) und am Samstag um 12.30 Uhr die in Kärnten aufgewachsene Autorin und Ärztin Tara Meister. Der Ingeborg-Bachmann-Preis und die weiteren Auszeichnungen werden am Sonntag vergeben. 3sat überträgt das Wettlesen sowie die Preisverleihung bereits zum 37. Mal. Der gesamte Bewerb wird zudem im Deutschlandradio und als Livestream auf der Homepage des Bachmann-Preises übertragen.
(S E R V I C E - https://bachmannpreis.orf.at)