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Salzburger Festspiele: Yes, we Cancan bei "Orphee"

Operette bei den Salzburger Festspielen? Yes, we can. Oder besser: Yes, we Cancan. Denn mit "Orphee aux enfers" von Jacques Offenbach hat Barrie Kosky sich bei seinem Festspieldebüt am heutigen Mittwoch minutenlange, johlende Begeisterung im Haus für Mozart abgeholt und Festspielwürde für das Operettenfach errungen. Eine höllisch gute Party mit hochintelligenter Architektur.

 

Bisher hatte das Opernpublikum in diesem Festspielsommer nicht viel zu lachen. Mit dem Generalthema der Antike hat man sich auf eine Reihe grausamer, blutiger Geschichten eingelassen und durfte sich dabei rühmen, an der Schwere von Schmerz und Schicksal teilzuhaben. Wozu eigentlich, mag sich Jacques Offenbach gefragt haben, als er sich 1858 das Thema von Orpheus und Eurydike zu Herzen nahm und nach Herzenslust in eine rauschende, bitterböse Komödie über die Betrügereien und die Amüsiersucht der besseren Gesellschaft verwandelte.

Seine Melodien - Stichwort: Cancan - sind auf die Verführung zu guter Laune getrimmt, seine Protagonistin der selbstbewussten Eurydike, die keinesfalls bei ihrem faden, geigespielenden Ehemann bleiben will und sich lieber vom Gott der Unterwelt entführen lässt - nur um den später auch sitzen zu lassen - kann als eine der ersten waschechten Emanzen der Musiktheaterliteratur gelten, und sein Olymp ist ein verkommenes Biotop für die Alltagsneurosen der Wohlstandslangeweile. Und die sind bekanntlich immer aktuell.

Für Barrie Kosky, seines Zeichens Spezialist für die "Komische Oper" - das gleichnamige Haus in Berlin leitet er höchst erfolgreich - ist das eine Steilvorlage. Ja, da gibt es viel Glitter und Glitzer, viele geile Böcke und wenig bekleidete Tänzer, da gibt es goldene Vorhänge und Rad fahrende Teufel, da gibt es einen echten Cancan mit nur latexbekleideten Nippeln - das ist Ehrensache. Den hohen Unterhaltungswert verdankt das Stück aber erstklassigem Handwerk anderer Natur: Kosky versteht sich auf die Personenführung in so vielen Details, dass man vermutlich mehrere Durchgänge bräuchte, um alle kleinen und größeren Pointen zu erwischen. Das Problem der gesprochenen Dialoge - oft eine Peinlichkeit für Opernsänger nicht-deutscher Muttersprache - hat er mit einem Kunstgriff gelöst, der dem Werk gleich eine neue Dimension verleiht: Kosky lässt sie live von einem einzigen Darsteller - zurecht frenetisch gefeiert: Max Hopp - synchronisieren. Und die Wiener Philharmoniker unter Enrique Mazzola spielen ihren Offenbach wunderbar: Üppig, präzise, geschmackvoll.

Eine Perle ist Kathryn Lewek als Eurydike, szenisch eine Naturgewalt, gesanglich eine Finesse; keine Sekunde Langeweile gibt es für das Publikum auch bei den gelangweilten Bewohnern des Olymp: Martin Winkler als Jupiter, Lea Desandre als Venus, Vasilisa Berzhanskaya als Diana und Frances Pappas als Juno machen lustvoll Komödie noch mit der Augenbraue und singen durchwegs sehr gut bis hervorragend. Nein, mit Weltschmerz hat man sich bei diesem Festspielereignis nicht bekleckert. Das kommt dann morgen wieder, bei Verdis "Simon Boccanegra". Aber klug und fein war's - und sehr lustig.

(S E R V I C E - "Orphee aux enfers" von Jacques Offenbach; Musikalische Leitung: Enrique Mazzola, Regie: Barrie Kosky, mit Anne Sofie von Otter, Max Hopp, Kathryn Lewek, Joel Prieto u.a., Vocalconsort Berlin, Wiener Philharmoniker. Weitere Termine am 17., 21., 23., 26. und 30. August. Live-zeitversetzt am 17. August, 20.15 Uhr, ORF 2. )

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