Wenn Päpste sterben, dann ist das immer auch ein heiliges Spektakel, ein Lehrstück vor aller Welt, das vom guten Abschiednehmen und von der Hoffnung auf das Paradies erzählt.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kenne keine Institution auf dieser Welt, die sich so gekonnt auf die Inszenierung der letzten Dinge versteht wie die katholische Kirche. Das wird mir angesichts der Bilder aus der Ewigen Stadt dieser Tage wieder einmal besonders bewusst.
Die Kirche steht da ganz in der Nachfolge des antiken Rom mit seinen prächtigen, in Lichter, Litaneien und Weihrauchwolken getauchten Prozessionen und sakralen Feiern. Und es ist kein Zufall, dass der Papst von den Cäsaren den altrömischen priesterlichen Titel Pontifex Maximus übernommen hat.
Im Vatikan geht nun alles seinen geregelten Gang der Dinge. Franziskus wird ab heute öffentlich im Petersdom aufgebahrt, damit Stadt und Erdball (Urbs et orbis) von ihm Abschied nehmen können. Jedes weitere noch so geringe Detail bis zur Begräbnisfeier und auch die Beerdigung selbst laufen streng nach einem eigenen, von Franziskus vereinfachten und gestrafften Ritus für päpstliche Funeralien ab, die sogenannte „Ordo Exsequiarum Romani Pontificis“ die genau festlegt, wie Päpste betrauert und bestattet werden.
Im Korsett eines strengen Protokolls gefangen war Franziskus freilich schon zu Lebzeiten. Das ist nicht weiter verwunderlich. Schließlich ist der Papst einer der letzten absoluten Monarchen auf der Welt. „Don‘t touch him!“, schärfte ein päpstlicher Sekretär uns Journalisten ein, als wir vor Jahren im Gefolge des damaligen Bundeskanzlers Sebastian Kurz Franziskus in Rom trafen.
Die Begegnung, von der ich an dieser Stelle schon einmal berichtet habe, fand im Apostolischen Palast statt. Im Damasushof hatte ein Gentiluomo di Sua Santità, ein befrackter Edelmann seiner Heiligkeit, wie die päpstlichen Kammerherren in der Sprache des Vatikans genannt werden, den Kanzler vor einem Spalier von Schweizergardisten begrüßt. Über steinerne Treppen und einen in die Jahre gekommenen Fahrstuhl ging es empor, verwinkelte Gänge entlang, vorbei an salutierenden Wachen und kleinen, trist beleuchteten Büros, in denen sich Kurienbeamte in Anzug und Krawatte über alte Schreibtische beugten. In einem der monumentalen oberen Stockwerke erwartete uns bereits Erzbischof Georg Gänswein. Der später bei Franziskus in Ungnade gefallene und aus Rom verbannte Präfekt des Päpstlichen Haushalts und Sekretär von Benedikt XVI. führte Kurz durch die prachtvolle Sala Clementina in das Arbeitszimmer des Papstes und dann schlossen sich die Türen.
Unser Häuflein mitgereister Journalisten musste sich in einem engen Gang vor dem Saal gedulden. „Don‘t touch him!“, ging der Sekretär noch einmal auf Nummer sicher. Es war stickig und heiß. Irgendwann, nach einer kleinen Ewigkeit, schwebte ein weiß behandschuhter Kammerdiener mit einem Silbertablett daher. Doch statt der erhofften Gläser mit kühlem Wasser lagen darauf schön arrangiert Rosenkränze, von Franziskus persönlich gesegnet.
Der Moment, als ich dem Papst auf eine Ermunterung des Sekretärs hin dann doch noch kurz die Hand schüttelte, habe ich nicht als sonderlich erhebend in Erinnerung. Den Rosenkranz aber, den hab‘ ich noch immer.
Es grüßt Sie herzlich Ihr
Stefan Winkler