„Gesund von jedem Einsatz zurück!“

Ein schwieriges Jubiläumsjahr, ein funktionierendes Feuerwehrwesen, ein Blick in die Zukunft. Landesfeuerwehrkommandant Reinhard Leichtfried im Gespräch.

Der Mariazeller wurde 1994 Kommandant der FF Mariazell, 2003 an die Spitze des Bereichsfeuerwehrverbandes Bruck an der Mur gewählt. Seit Juni 2018 ist er steirischer ­Landesfeuerwehrkommandant. © KK
 

In diesem Jahr begeht der Steirische Landesfeuerwehrverband sein 150-Jahr-Jubiläum. Ein Jahr zum Feiern – und dann kam Corona ...?
Reinhard Leichtfried: Ja, leider. Mitte Februar sind die Vorbereitungen für die Feiern auf Hochtouren gelaufen, vieles war bereits fertig zur Umsetzung – und dann kam der Lockdown 1 … und jetzt auch noch der Lockdown 2. Aber Hand aufs Herz. Feiern abzusagen, selbst wenn es für uns ganz besondere gewesen wären, wiegt sicher nicht so schwer wie die Folgen für jene, die durch die Krise den Arbeitsplatz verloren haben. Und wenn man sich die gesundheitlichen Auswirkungen von COVID-19 mit den vielen Schwererkrankten und Verstorbenen vor Augen hält ...

Was wäre alles geplant gewesen?
Der Gründungstag des Landesfeuerwehrverbandes ist der 19. März. Für diesen Tag waren unter anderem eine Festmesse im Grazer Dom und ein Festakt in der Aula der Alten Universität vorgesehen. Im Juni sollte eine Sonderausstellung im Grazer Landhaushof Highlights der 150-jährigen Geschichte zeigen. Die Eröffnung hätte im Rahmen des Landesfeuerwehrtages und des Landesbewerbs in Graz sein sollen. Alles abgesagt. Parallel feiert die Feuerwehrjugend Steiermark im Jahr 2020 ihr 50-jähriges Bestehen. Dazu hätte es, wieder in Graz, die Jugendbewerbe, ein großes Zeltlager sowie einen Festakt am Grazer Hauptplatz gegeben. Auch abgesagt. Auch der Plan B, ein Festakt im Spätherbst, ist leider unrealisierbar geblieben. Tatsächlich konnten wir keine einzige Veranstaltung durchführen.

150 Jahre. Was geht Ihnen bei dieser Zahl durch den Kopf?
Eine stolze Zahl, die unter anderen Umständen auch Anlass zum Feiern und zur Freude gibt. Aber wir sind heuer in einer für uns noch nie dagewesenen Situation, in der wir auch als Feuerwehren sehr rasch reagieren mussten. Bis zum heutigen Tag haben wir es im gemeinsamen Schulterschluss geschafft, nicht nur den Betrieb in den Dienststellen des Landesfeuerwehrverbandes nahezu uneingeschränkt aufrechtzuerhalten, sondern – und das freut mich ganz besonders – es gab bis jetzt auch keinen einzigen Totalausfall einer Feuerwehr. Jedes unserer 50.000 Mitglieder hat mit großer Disziplin dazu beigetragen, die Virusverbreitung hintanzuhalten. Ich danke allen Feuerwehren und Feuerwehrmitgliedern, die in dieser schwierigen Situation seit Monaten eine großartige Disziplin an den Tag legen und so ihren Anteil an der Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft und am Funktionieren der Feuerwehren leisten.

Auf welche Errungenschaften im steirischen Feuerwehrwesen darf man besonders stolz sein?
Jeder meiner 14 Vorgänger als Landesfeuerwehrkommandant hat Verdienstvolles geleistet. Aber neben den wichtigen technischen Entwicklungen, taktischen Fertigkeiten, baulichen Maßnahmen oder sonstigen verwaltungsspezifischen Entwicklungen gibt es ein zentrales Thema, ohne das Feuerwehr in unserer Form nicht funktionieren würde: Die Kameradschaft. Sie, das Um und Auf unseres Erfolgs, steht auf drei Säulen. Die erste sind die Übungen, die Leistungsprüfungen und die Bewerbe. Die zweite ist der Einsatzdienst, quasi unser operatives Wirken. Hier setzen wir das Erlernte ein und um, um anderen Menschen zu helfen. Und die dritte ist die Kameradschaftspflege, das gesellige Miteinander.

Was sind die Kernaufgaben des Landesfeuerwehrverbandes?
Seine Aufgaben sind sehr klar im Steiermärkischen Feuerwehrgesetz geregelt. Zentral sind dabei die Sicherstellung der Einsatzbereitschaft und Leistungsfähigkeit unserer 771 Feuerwehren, die Förderverwaltung und die Förderabwicklung, die einheitliche Ausgestaltung der Ausrüstung und Uniformierung, Einsatzpläne, die einheitliche Aus- und Fortbildung unserer Feuerwehrmitglieder, die Nachwuchsförderung, die Brandschutzerziehung, die Brandschutzaufklärung und noch vieles mehr. Die Intention für die Gründung des Landesfeuerwehrverbandes war, einen zentralen Verwaltungskörper, aber auch eine zentrale Stimme für die Feuerwehren zu schaffen. An dieser hat sich nichts Grundlegendes geändert.

Wie gut ist die Steiermark heute hinsichtlich Feuerwehrwesen aufgestellt?
Mit den mehr als 50.000 Mitgliedern, die in 771 Feuerwehren organsiert sind, würde ich sagen: sehr gut. Mit Umsicht und Weitblick wurde es in den letzten 150 Jahren zu dem entwickelt, was es heute ist. Eine flächendeckend verankerte und moderne Sicherheitseinrichtung, die für alle Bedrohungsformen der modernen Technik, ob zu Land, Luft, Straße, Schiene oder Wasser, ein adäquates Einsatzmittel zur Verfügung hat.
Was sind heute die größten Herausforderungen an Mann, Frau & Technik?
Wir können uns sehr glücklich schätzen, in unserer Heimat ein derart gut funktionierendes und flächendeckend verfügbares ausgebautes Feuerwehrsystem zu haben. Um diese hohe Qualität aufrechterhalten zu können, müssen wir intensiv über Rüstzeug, moderne Fahrzeugtechnik und neue Rahmenbedingungen nachdenken. Gegenwärtig sehe ich noch keine gravierenden oder unlösbaren Probleme, aber wir werden sicher nicht umhinkommen, uns bei bestimmten Themen auf eine ehrliche und offene Diskussion einzulassen.

Habt ihr Nachwuchssorgen?
Die Zahl unserer neuen dazugekommenen Nachwuchskräfte war in den letzten Jahren mehr oder weniger stabil. Aber wir sehen, dass die Zahl jener Feuerwehren zunimmt, bei denen der mangelnde Zulauf von Jugendlichen zu einem Problem wird. Der Österreichische Bundesfeuerwehrverband und auch die Landesfeuerwehrverbände widmen sich deshalb dem Thema „Jugendarbeit“ in verstärktem Maße. Unser Ziel ist, eine bestmögliche frühjugendliche Begeisterung für das Feuerwehrwesen zu wecken. Aber wir wollen auch ältere Quereinsteiger, die gesund und körperlich fit sind, dazu animieren, sich bei der Feuerwehr zu engagieren.

Stichwort Digitalisierung: Wie nutzen die Feuerwehren diese für die Aufgaben von heute und morgen?
Die Digitalisierung und Vernetzung sind auch für uns als Einsatzorganisation Teil einer neuen Realität. Das beginnt bei A wie Alarmierung und endet bei Z wie Zivilschutz. Die Zukunft geht in vielen Bereichen eindeutig in Richtung digitale Vernetzung. Dazu gibt es, allein bei uns im deutschsprachigen Raum, sehr viele Forschungsprojekte. Beispiele für Anwendungen wären u. a. das dynamische Routing der Einsatzkräfte an die Einsatzstelle, die Ausbildung an der Feuerwehrschule oder auch das Durchführen von Ausbildungs- und Übungssituationen unter Virtual Reality-Bedingungen.

Welche Weichen müssen schon heute für die Feuerwehr von morgen gestellt werden?
Die Aufgabe aller Landesfeuerwehrkommandanten ist es, das Ehrenamt „Feuerwehr“ langfristig zu sichern und zu stabilisieren. Dazu gibt es ein Strategiepapier des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes. Darin fand sich u. a. die Forderung für ein Bonus-System für Arbeitgeber, die Feuerwehrmitglieder während der Dienstzeit für Einsätze bei Großschadenslagen freistellen. Dieses wurde bereits vom Nationalrat beschlossen. Eine der für mich wichtigsten Weichenstellungen betraf den Bürokratieabbau. Da hat sich im steirischen Feuerwehrwesen in den letzten zwei Jahren vieles getan.

Wie denken Sie, wird/könnte eine Feuerwehr im Jahr 2050 funktionieren?
Natürlich gibt es Überlegungen und Visionen zur Feuerwehr der Zukunft. Nur, 30 Jahre in die Zukunft zu blicken, das ist wirklich sehr herausfordernd. Vielleicht sind wir in zwei oder drei Jahrzehnten mit Herausforderungen konfrontiert, die wir uns zum jetzigen Zeitpunkt gar noch nicht vorstellen können? Nur ein paar Stichworte: demografischer Wandel, gesellschaftliche Veränderungen, ­Klimawandel, neue Verkehrs- und Informationstechnologien, künstliche Intelligenz … Die Frage nach „Feuerwehr 2050“ ist zu komplex, um eine zufriedenstellende Antwort geben zu können. Ich hoffe aber sehr, dass es uns auch 2050 als funktionsfähige Organisation im steirischen Sicherheitsgefüge gibt.

Ein großer Wunsch zum Jubiläum?
Da habe ich deren zwei. Erstens - dass wir als Einsatzorganisation, hier vor allem unsere Mitglieder und deren Familien, möglichst unbeschadet durch die Pandemie gelangen. Und zweitens, im Wissen um jene Gefahren, die uns im Einsatzfall jederzeit erwarten können, habe ich einen sehr demutsvollen Wunsch. Dass alle unsere Mitglieder stets gesund und wohlbehalten von allen Einsätzen und Ausrückungen zu ihren Liebsten nach Hause zurückkommen.