Ihr erstes Schuljahr als Minister ist beendet. Was war denn ihre beste Leistung?
MARTIN POLASCHEK: Wir haben auf mehreren Ebenen viel weiter gebracht, aber eine besonders beachtliche Leistung war, dass uns die Aufnahme von mehr als 11.000 ukrainischen Kindern in unser Schulsystem gelungen ist. Darauf kann das ganze österreichische Schulsystem stolz sein.

Fast ein Drittel aller Kinder braucht regelmäßig Nachhilfe. Bezahlte Nachhilfe kostet im Schnitt 630 Euro im Jahr. Ist das nicht eine Zumutung für Familien?
Diese Studie hat für mich einige Fragen offengelassen, die wir mit Expertinnen und Experten aus der Praxis diskutieren müssen. Was zum Beispiel die Gründe sind, warum Menschen Nachhilfe beanspruchen. Es gibt sehr viele Förderangebote durch Schulen. Wir konnten heuer die Sommerschule ins Regelschulsystem überführen und die Regierung hat sehr viele Zusatzstunden für Förderunterricht bereitgestellt.

Aber jetzt, zu Schulschluss, wissen die Schulen immer noch nicht, wie viele dieser zusätzlichen Förderstunden sie im September bekommen. Wie kann das sein?
Die Gespräche mit den Bildungsdirektionen laufen gerade. Weil nicht alle Fördermittel dafür abgerufen wurden, wird gerade ausgelotet, wo es wie viel Bedarf gibt.



Über weite Strecken basiert unser Schulsystem doch darauf, dass ein Elternteil zu Hause ist, der – oder eher die – unterstützen kann, oder?
Den Befund teile ich nicht. Sehr viele Schulen bieten Förderangebote, Ganztagsbetreuung. Diese Woche wird im Parlament beschlossen, dass die Betreuungsplätze auf über 230.000 ausgebaut werden. Auch über die Sommerschule oder Gemeinden und Länder gibt es verschiedenste Angebote, um die Eltern zu entlasten.

Warum sind Sie gegen flächendeckende Ganztagsschulen?
Weil sie auch von vielen Eltern nicht gewollt wird. Für berufstätige Eltern und vor allem alleinerziehende Frauen müssen wir natürlich Unterstützungsangebote zur Verfügung stellen. Aber dort, wo Kinder gut zu Hause betreut werden können und Eltern oder Großeltern sagen, sie hätten die Kinder gern am Nachmittag daheim, soll das möglich sein. Ich halte nichts davon, alle ganztags in die Schule zu zwingen.

Auch ohne Ganztagsschule gibt es schon einen Mangel an Pädagoginnen und Pädagogen. Warum eigentlich? Die Pensionierungswelle war ja absehbar ...
Es war absehbar, dass es in gewissen Bereichen einen erhöhten Bedarf geben wird, aber nicht in allen Fächern und allen Regionen. Durch die Pandemie ist der Lehrermangel noch einmal befeuert worden. Mehr Menschen haben den Schulbereich verlassen, und wir hatten einen massiven Einbruch beim Berufseinstieg. Dass es eine so große Lücke geben wird, war nicht vorhersehbar. Wir arbeiten intensiv an Lösungen, erleichtern etwa den Quereinstieg.

Bildungsminister Martin Polaschek im Interview mit Veronika Dolna.
© (c) Christoph Kleinsasser (Christoph Kleinsasser)



Im Parlament wird heute eine Budgeterhöhung für Elementarpädagogik beschlossen. Eine „Mogel-Milliarde“, kritisiert die Opposition.
Es sind 200 Millionen Euro pro Jahr, in fünf Jahren eine Milliarde. Ich finde es unfair von der Opposition, dass sie versuchen, diese enorme Summe kleinzureden. Noch nie ist seitens des Bundes so viel Geld in den Kindergartenbereich geflossen.

Damit sollen in fünf Jahren nicht mehr 30, sondern 33 Prozent aller Unter-Dreijährigen einen Betreuungsplatz haben. Ist das nicht ein unambitioniertes Ziel?
Es ist genau das, was der Europäische Rat in den Barcelona-Zielen als Latte festlegt. Es würde wenig Sinn machen, deutlich mehr anzubieten, als gebraucht wird. Ich bin auch hier für die Entscheidungsfreiheit. Wenn Alleinerzieherinnen oder Familien – aus welchen Gründen auch immer – den Bedarf sehen, dass Kinder in eine Einrichtung kommen, müssen wir dafür selbstverständlich Sorge tragen. Aber es gibt auch Familien, die sich bewusst dafür entscheiden, dass die Kinder zu Hause bleiben. Ich finde das schön und richtig, denn es gibt mit Karenz und Papa-Monat verschiedene Möglichkeiten, dass man sich um Kinder in diesem Alter kümmert.

Der Papa-Monat ist ein Monat, Kinderbetreuungsgeld bringt in der Maximal-Variante etwas über 400 Euro im Monat. Viele Frauen wollen oder müssen einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten.
Viele Eltern entscheiden sich bewusst dafür, die ersten Jahre mit den Kindern zu Hause zu bleiben. Wir haben hier eher Bedarf an zusätzlichem Personal als an zusätzlichen Plätzen. Dort, wo Bedarf besteht, gibt es entsprechende Einrichtungen. Das Angebot wird entsprechend der Nachfrage gesteigert. Wenn die steigt, wird man das in der nächsten 15a-Vereinbarung in fünf Jahren anpassen können.

Sie waren zuletzt überrascht, dass die Finanzierung des Corona-Panels ausgelaufen ist. Man sei aber an die Politik herangetreten, sagte eine der Leiterinnen. Gibt es hier neue Entwicklungen?
An mich ist das Corona-Panel erst diese Woche herangetreten. Das möchte ich festhalten. Wir prüfen gerade, ob wir unterstützen können, und inwieweit es Bedarf gibt. Es gibt ja eine Vielzahl an Einrichtungen, die in diesem Bereich tätig sind.

Was halten Sie von einer großen Panel-Studie, die auch über die Pandemie hinaus regelmäßig aktuelle Fragen behandelt?
Es finden ohnehin regelmäßig Sozialerhebungen statt. Auch in der Statistik Austria haben wir über mein Haus einen eigenen Forschungsbereich eingerichtet. Eine universale Panel-Studie zu allen Themen würde bedeuten, wir kontrollieren Menschen über alles.