Saint-Tropez ist auch nicht mehr, was es einmal war.

Ein Ort nämlich, wo man sich als Prominenter unter seinesgleichen wähnen kann – und nur dann gesehen wird, wenn man tatsächlich auch gesehen werden will. Diese Zeit ist vorbei, ob in dem Urlaubsort an der Côte d’Azur, der vor Jahrzehnten dank des europäischen Jetsets zum Synonym für Edelferien avancierte, eigentlich aber überall.

Einen einzigen Miturlauber mit Smartphone und Social-Media-Account (und wo gäbe es den nicht?): Mehr braucht es nicht, und das Bild des prominenten Touristen am Strand, an der Bar oder beim Essen geht blitzartig um die Welt.

Wie SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner erfahren musste. Vor einer Woche saß sie mit Freunden im „Club 55“, einem durchaus hochpreisigen Restaurant am Strand der Riviera, wo von Catherine Deneuve bis Michail Gorbatschow schon zahlreiche Prominente abgestiegen waren. Ein privater Ausflug vor Beginn des Intensivwahlkampfs – der nicht privat bleiben sollte.

Ebenfalls im Club 55 abgestiegen war an diesem Abend ein oberösterreichischer Arzt und (chancenloser) ÖVP-Nationalratskandidat von 2017 – er nahm sein Handy, nahm einen verschwommenen Schnappschuss der plaudernden SPÖ-Chefin auf und jagte ihn per öffentlichem Facebook-Post samt süffisantem Begleittext („Joy Pam im teuersten und besten Club der Welt“) in die Welt hinaus.

Wahlkämpfer und Sympathisanten der anderen Parteien, darunter der vor Kurzem selbst eines Urlaubs wegen in Bedrängnis geratene Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, griffen den Post gerne auf. Noch bevor Rendi-Wagner den Club verlassen hatte, hatte er sich in der sozialmedialen Politik-Szene „viral“ verbreitet.

Der Hafen von Saint-Tropez
© Krzysztof Belczyński / Flickr

Dort sollte er nicht bleiben: Angeführt von „Österreich“ griffen auch klassische Medien das Thema auf. Ja, auch wir von der Kleinen haben berichtet, zumindest indirekt. „St. Tropez statt Jesolo: Heftige Twitter-Debatte über ,Luxusurlaub‘ von Rendi-Wagner“ erfuhren etwa Leser unserer Digitalausgabe.

War es richtig, dieses Thema aufzugreifen? Über eine Politikerin in einem privaten Urlaub zu berichten? Eine Frage, die auch wir in der Redaktion der Kleinen in den vergangenen Tagen diskutiert haben – ohne einhellige Conclusio. Das Thema hat viele Ebenen, auf denen man sich ihm annähern kann.

Am einfachsten zu klären ist die Frage, die Journalisten sich jeden Tag x-mal stellen: Ist das überhaupt eine Geschichte? In der Nachrichtenwerttheorie kennen wir grob gesprochen zwei Pole, zwei Fragen, die sich bei jedem Sachverhalt zur Entscheidung stellen, ob man ihn berichten soll: Erstens „ist das relevant für meine Leser?“ – und zweitens „ist es interessant?“.

Die besten Geschichten sind beides: Wahlergebnisse zum Beispiel sind in aller Regel sowohl höchst relevant als auch interessant. Dann gibt es extrem relevante Geschichten, die nur mit Mühe interessant zu gestalten sind – sagen wir, Konjunkturdaten – und umgekehrt Geschichten, die man gern liest, die aber ohne höhere Relevanz sind: klassische Klatsch-und-Tratsch-Erzählungen aus Adelshaushalten zum Beispiel.

Dass Rendi-Wagners Abstecher in den Nobelurlaubsort interessant war, sieht man schon an dem breiten Echo, das die Geschichte ausgelöst hat – kaum jemand, der keine Meinung dazu hätte. Relevant ist der Sachverhalt für sich dagegen eher nicht – aber die breite Diskussion darüber könnte ob ihres möglichen Effekts auf potenzielle SPÖ-Wähler dann doch wieder wichtig sein.

Eine andere Ebene ist die rechtliche: An sich haben auch Politiker ein Recht auf den Schutz ihres höchstpersönlichen Lebensbereichs vor Erörterung in Medien.

Ausnahme: Wenn ein öffentliches Interesse daran besteht. Zum Beispiel, wenn sie in besagter privater Situation breit diskutieren, wie sie ein Regierungsamt nutzen würden, einer russischen Oligarchin staatliche Aufträge zuzuschanzen.

Das hat Rendi-Wagner nach allem, was wir bisher wissen, im Club 55 aber nicht getan. Was sie aber getan hat: Gegenüber mehreren Medien – etwa im Ö-3-„Frühstück bei mir“ – sprach Rendi-Wagner in den vergangenen Wochen davon, ihr Urlaub werde sie nach Jesolo und in die Steiermark führen (ein Sprecher hatte zumindest in Mails auch Frankreich erwähnt). Damit hat sie selbst ihren Urlaub thematisiert. Und ein Sprecher der SPÖ Wien hatte seinem Gegenüber auf Twitter im Herbst während einer Debatte an den Kopf geworfen „wer seine Sommer öffentlich im Club 55 mit Champagner zelebriert, hat jede Glaubwürdigkeit im Kontext Abgehobenheit verspielt“.

Was uns zur dritten Ebene führt, der politischen. Die These hier ist, dass es eben nicht egal ist, wo ein Politiker urlaubt – schon gar nicht vor einer Wahl.

Das Private ist längst politisch – das wissen auch Politiker, die sich in der durchmediatisierten Gesellschaft inszenieren (müssen). Es ist ja kein Zufall, dass Rendi-Wagner in Interviews das als „Hausmeisterstrand“ verschriene Jesolo als konkretes Urlaubsziel nennt, während Frankreich von ihrem Sprecher nur beiläufig, schon gar nicht als „Riviera“ oder gar „St. Tropez“ konkretisiert wird.
Gerade die Sozialdemokraten sind in diesem Aspekt gebrannte Kinder: Dass Rendi-Wagners Abendessen im Club 55 solche Aufregung verursacht, während etwa ÖVP-Obmann Sebastian Kurzmehrtägiger Aufenthalt in Kalifornien stillschweigend quittiert wurde, mag auch an dem Beigeschmack liegen, hier trinke man (edlen) Wein, während man als Chefin einer „Arbeiterpartei“ eher bei Wasser bleiben sollte (nicht unähnlich Grünen übrigens, denen jede Flugreise angekreidet wird, während Politiker anderer Couleur bedenkenlos Meilen sammeln dürfen).

Eventuell ein – absichtliches – Missverständnis. Die SPÖ predigt ja eben nicht Wasser, sondern Wein für alle. Gerade Geschichten wie dass Rendi-Wagner als Tochter einer alleinerziehenden Kindergärtnerin aus dem Gemeindebau sich einen Abstecher an die Côte d’Azur leisten kann (als promovierte Ärztin wohl auch ohne politische Karriere), könnte man durchaus auch als historischen Erfolg der SPÖ verkaufen.

© Steve Lorillere / Flickr

Könnte. Denn wirklich gut funktioniert hat eine solche Kommunikationsstrategie schon bei Rendi-Wagners Vorgänger Christian Kern, Arbeiterkind aus Simmering mit Hang zu Slim-Fit-Anzügen, nicht. Die Liste von SPÖ-Politikern, die des persönlichen Luxus wegen verhöhnt worden sind, reicht von Thomas Drozda mit seinem Uhren-Faible bis zu Alfred Gusenbauer, den Liebhaber teurer Weine. Dass sich ein Bruno Kreisky großbürgerlich inszenieren konnte – etwa in seiner Finca auf Mallorca, wo er im Sommer Hof hielt –, ist lange her. Was wohl heute über ihn geschrieben würde?

Bleibt die Frage: Ist das eine erstrebenswerte Welt, in der jeder Urlaub, jeder Flug, jeder private Handgriff von Politikern Gegenstand öffentlicher Debatte sein kann? Und was für Politiker wird diese Zeit hervorbringen, in der eine große Persönlichkeit dem Autor vor Kurzem offenbarte: „Ich hab mir überlegt, als Bundespräsident zu kandidieren – aber die sozialen Medien wollt’ ich mir nicht antun.“
Man kann das verstehen. Die totale Öffentlichkeit ist auch eine gnadenlose. Jederzeit, überall gefilmt werden, „viral“ gehen zu können, ist eine harte Mühle – die am Ende nur noch geschliffene, dauerdurchinszenierte Persönlichkeitshüllen bestehen zu lassen droht.

Das muss nicht so sein – jeder hätte in der Hand, innezuhalten, bevor er zum Beispiel ein kritisches Bild teilt. Der Arzt aus Oberösterreich hat Rendi-Wagners Foto inzwischen übrigens von seinem Account getilgt.