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Kehlmann & Co. Wie Autoren gegen rechtes Gedankengut gemahnt haben

Österreichische Autoren wie Kehlmann, Turrini, Winkler, Köhlmeier und Haderlap haben sich seit Regierungsantritt öffentlich gegen rechtes Gedankengut positioniert.

Daniel Kehlmann: Frontalangriff gegen den "jungen Kanzler" und die "alte ÖVP" © FOTOKERSCHI.AT/WERNER KERSCHBAUM
 

Seit Antritt der Regierung Anfang 2018 haben österreichische Autoren beständig vor den Auswirkungen rechten Gedankenguts gemahnt. In öffentlichen Reden fanden Josef Winkler, Michael Köhlmeier, Maja Haderlap, Peter Turrini und zuletzt Daniel Kehlmann klare Worte. Nicht selten führten die Wortmeldungen zu verbalen Angriffen durch die FPÖ.

Josef Winkler hielt am 24. April 2018 eine Rede zu "500 Jahre Klagenfurt" im Wappensaal des Landhauses. Darin wiederholte er seine Forderung aus dem Jahr 2009, die Urne des ehemaligen freiheitlichen Landeshauptmannes Jörg Haider in eine Gefängniszelle zu verlegen. Weiters geißelte er die Errichtung des Wörtherseestadions und die Verfehlungen um die Hypo. Die Kärntner FPÖ kündigte darauf eine Anzeige wegen Verhetzung an. "Wir setzen das klare Signal, dass die Grenze des Erträglichen durch den linken Hassprediger überschritten ist", so FPÖ-Landesparteichef Gernot Darmann damals. In weiterer Folge verwarf die Staatsanwaltschaft Klagenfurt die Anzeige jedoch im Herbst.

Rede von Michael Köhlmeier gegen Rassismus

Für Diskussionen sorgte wenig später, am 4. Mai, die Rede von Michael Köhlmeier am parlamentarischen Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im österreichischen Parlament: "Sehr geehrte Damen und Herren, erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle", begann der Autor seine Rede. "Gehörst du zu jenen, die abgestumpft sind?", höre er die Toten fragen. "Zum großen Bösen kamen die Menschen nie in einem Schritt, sondern in vielen kleinen. Zuerst wird gesagt, dann wird getan. (...) Wirst du es dir gefallen lassen, wenn ein Innenminister davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen?" Auch die Rolle des Aufbegehrens selbst thematisierte Köhlmeier: "Willst du feige die Zähne zusammenbeißen, wo gar keine Veranlassung zur Feigheit besteht?", fragte er sich. Denn: "Wer kann dir in deinem Land in deiner Zeit schon etwas tun, wenn du die Wahrheit sagst?" Die FPÖ reagierte prompt: Klubobmann Walter Rosenkranz und der Abgeordnete David Lasar bezeichneten Köhlmeier als selbstgerecht und warfen ihm vor, die Gedenkveranstaltung desavouiert zu haben.

Auch ÖVP wehrte sich

Auch die ÖVP wehrte sich, nachdem Köhlmeier gesagt hatte: "Es hat auch damals schon Menschen gegeben, die sich damit brüsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben." Diesen Vergleich mit der Schließung der Balkanroute wies ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer vehement zurück. Die Rede wurde mittlerweile auch in Buchform veröffentlicht, im April 2019 erhielt der Autor den Ferdinand-Berger-Preis des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes. (Michael Köhlmeier: "Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle. Reden gegen das Vergessen", Mit einem Nachwort von Hanno Loewy. dtv, 96 Seiten, 8,30 Euro, ISBN: 978-3-423-14709-5)

Peter Turrini meldete sich bei einer Jubiläumsveranstaltung des SPÖ-Parlamentsklubs zur Geschichte der Republik und Demokratie im Palais Epstein am 30. Oktober 2018 zu Wort. "Diese Regierung ist politisch fantasielos und frei von Moral. Diese Regierung nimmt den Schwächeren und gibt den Reicheren", sagte Turrini. Der Schriftsteller ortete in seiner Rede unter dem Titel "Nachrichten aus Österreich oder Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Arschlöcher" einen "moralischen Umsturz vom Anstand zur Unanständigkeit". Die ÖVP-FPÖ-Regierung propagiere Fremdenhass, reduziere Arbeiterrechte, betreibe Postenschacher, entziehe Frauenvereinen die Unterstützung und drehe Organisationen ab, die Migranten helfen. Von einem "Staatsstreich in Zeitlupe gegen die Zivilgesellschaft" sprach der Literat. "Immer ein bisschen weiter nach rechts ins Menschenfeindliche, bis man dort ist, wo Herr Salvini und Herr Orban schon sind."

Beim Staatsakt zum Republiks-Jubiläum am 12. November 2018 in der Wiener Staatsoper warnte Maja Haderlap vor einer Ökonomisierung der Gesellschaft. "Es geht uns gut, aber die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm", so die Schriftstellerin. "Gerade haben wir uns an den Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates aufgerichtet, schon wird uns erklärt, dass wir endlich erwachsen werden und für uns selbst sorgen sollen." Angelpunkt der Demokratie sei aber nicht der ökonomische Mensch, sondern das ethisch handelnde Individuum.

Daniel Kehlmann nutzte schließlich anlässlich der Verleihung des Anton-Wildgans-Literaturpreis der Österreichischen Industrie am 15. Mai 2019 seine Dankesrede zu einem Frontalangriff gegen den "jungen Kanzler" und die "alte ÖVP", die sich nicht von ihrem Koalitionspartner distanziere. "Die Demokratie ist in Gefahr in der westlichen Welt. Sie ist besonders in Gefahr in Österreich." Wenn Politiker immer wieder versicherten, die letzte Instanz sei das Wahlergebnis, so stimme das nicht ganz: "Die letzte Instanz ist das Urteil der Nachwelt. (...) Ich möchte unseren schweigenden Kanzler fragen, ob er sich darüber klar ist, dass künftige Geschichtsbücher ihn als den Mann bewahren werden, der es einer rechtsextremen Partei ermöglicht hat, diesem Land in seinem äußeren Bild und seinem inneren Gefüge Schaden zuzufügen, der so bald nicht mehr in Ordnung zu bringen ist." Er wolle daher den Kanzler fragen: "Möchten Sie wirklich der Mann sein, der das bewirkt hat? Möchten sie tatsächlich von künftigen Historikern beschrieben werden als jener Regierungschef, der einen das parlamentarische System, den Rechtsstaat und die Pressefreiheit offen verachtenden Innenminister ermöglicht hat und neben sich einen ehemaligen Neonazi als Vizekanzler geduldet hat? Sie sind jung genug. Sie werden diese Geschichtsbücher noch lesen können. Wollen Sie die Farce nicht beenden?"

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