Nach dem Entschluss von Bundeskanzler Karl Nehammer, nicht nur als Parteichef, sondern auch als Regierungschef umgehend zurückzutreten, ist Bundespräsident Alexander Van der Bellen in den kommenden Tagen mit einer weiteren Herausforderung konfrontiert: Wer soll bis zur Angelobung der neuen Regierung im Kanzleramt die Amtsgeschäfte leiten? Am Freitag sollte es so weit sein.
In der Hofburg interpretiert man nach Informationen der Kleinen Zeitung die Verfassungsbestimmungen so, dass nur jemand aus der letzten Regierung dafür infrage kommt. Ein Spitzenbeamter oder ein Experte könne nicht zum Zug kommen. Auch Neo-Finanzminister Gunter Mayr, der nicht der letzten regulären Regierung angehört hat, und die Staatssekretäre scheiden aus.
Theoretisch auch Gewessler möglich
Als Favorit wird Außenminister Alexander Schallenberg gehandelt, in der engeren Auswahl befindet sich Verfassungs- und Europaministerin Karoline Edtstadler. Beide kennen das internationale Parkett, würden bei einem allfälligen Sonder-EU-Gipfel keinesfalls Neuland betreten. Möglich wäre auch Vizekanzler Werner Kogler, dem Vernehmen nach dürfte ein ÖVP-Regierungsmitglied das Rennen machen. Theoretisch könnte Van der Bellen sogar Leonore Gewessler zur Interims-Kanzlerin machen.
Löger hält Kurzzeitrekord
Schallenberg wäre im Kanzleramt kein Neuling. Nach dem Rücktritt von Sebastian Kurz war der langjährige Spitzendiplomat im Herbst 2021 knapp zwei Monate lang Regierungschef. Kürzer nahmen bisher nur Reinhold Mitterlehner (acht Tage nach dem überraschenden Rücktritt von Werner Faymann im Mai 2016)) sowie Hartwig Löger (sechs Tage lang nach dem erfolgreichen Misstrauensantrag gegen Kurz im Mai 2019) im Chefsessel des Kanzleramts Platz.