Andere Töne als bei vergangenen Festspieleröffnungen schlug Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Freitag zum Auftakt der Salzburger Festspiele an. Während in der Vergangenheit meist der Politik die Leviten gelesen oder bedenkliche Entwicklungen in den sozialen Medien und im öffentlichen Diskurs angeprangert wurden, stimmte Van der Bellen diesmal ein Lob auf Österreichs Stärken an.

„Es wird schon genug geschimpft!“

„Manche erwarten, dass ich bei Anlässen wie diesen ordentlich austeile. Aber wissen Sie was? Es wird schon genug geschimpft. Die Politikerinnen und Politiker in der ersten Reihe können sich entspannen.“ Unter dem Schlagwort „Es ist ein gutes Land“ – frei nach Grillparzer kehrte Van der Bellen die Stärken des Landes hervor.

Unter dem Eindruck der lokalen und regionalen Unwetterkatastrophen in Österreich würdigte Van der Bellen unter anderem die Nachbarschaftshilfe: „Ich sehe Freiwillige, die Tag und Nacht den Schlamm aus überfluteten Kellern ihrer Nachbarn schaufeln.  Ich sehe, wie sich eine ganze Ortschaft zusammentut, entgegen aller Erfolgswahrscheinlichkeit, um ein Gasthaus zu retten.“ Um danach gleich an ein geflügeltes Wort anzuschließen: „So sind wir auch.“

Die Rede von Alexander Van der Bellen:

Einmal mehr mahnt der Bundespräsident Zuversicht im Umgang mit den großen Herausforderungen Klima, Energie, Migration, Sicherheit, Friede, Freiheit ein, um dann zum Schluss doch politisch zu werden. In einem Nebensatz übte er etwa Kritik an der Freunderlwirtschaft, insbesondere an der „oft zu geringen Distanz zwischen Politik und Medien“, um schließlich daraus zu folgern: „Politik darf gerne auch mal fad sein. Politik kann sich gerne als Problemlöserin verstehen – und nicht als Show. Die meisten würden das sicher gut finden.“ Und: „Entscheiden wir nicht voll Angst. Sondern voll Zuversicht. Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Die Zukunft ist für uns ein schöner Ort. Wir können uns auf die Zukunft freuen.“

Nina Chruschtschowa hielt ein flammendes Plädoyer für die Kunst
Nina Chruschtschowa hielt ein flammendes Plädoyer für die Kunst
| Nina Chruschtschowa hielt ein flammendes Plädoyer für die Kunst © APA/LAND SALZBURG/NEUMAYR/LEOPOLD

Die Festrede mit ganz anderer Ausrichtung hielt dann Nina Chruschtschowa, Urenkelin des einstigen sowjetischen KP-Parteichefs Nikita Chruschtschow: Die in Russland Geborene und in New York Lebende ist Expertin der zeitgenössischen russischen Geschichte und Politik und sprach über „Idealismus der Kunst in Zeiten von Krieg und Frieden“. Die Professorin für Internationale Beziehungen und Komparatistik kritisierte in ihrer Rede Wladimir Putins Politik und entschuldigte sich bei der ukrainischen Bevölkerung für den Krieg, der gegen ihr Land geführt wird.

Die Rede von Nina Chruschtschowa

Chruschtschowa nahm dabei auch Bezug auf den Roman „Der Tag des Opritschniks“, den der russische Autor Wladimir Sorokin im Jahr 2006 geschrieben hat. „In diesem Buch ist das russische Zarenreich wiederauferstanden, und die Gefolgsleute der Regierung haben das Sagen. Damals haben wir es als bloße Fiktion abgetan. Heute liest es sich wie die Realität. Nach der kürzlich erfolgten Vereidigung Wladimir Putins als Präsident für seine fünfte Amtszeit, wird unabhängiges Denken brutal bestraft. Dies ist keine dystopische Absurdität mehr, wie Sorokin sie beschrieb, sondern im heutigen Russland Alltag.

Kritik auch an „Anti-Puschkin-Gesetz“

Nationen würden ihre kulturelle Individualität ebenso wertschätzen wie ihr Territorium, ihre Bodenschätze und ihre Finanzinstitute. Im Kriegszustand könne aber Kunst zu einem Schlachtfeld werden, in Krisenzeiten steige jedoch zugleich die Kraft der Kunst sprunghaft an. 2023 habe der ukrainische Gesetzgeber das nach dem russischen Dichter des 19. Jahrhunderts Alexander Puschkin benannte „Anti-Puschkin-Gesetz“ verabschiedet, das die Vernichtung von Kulturgütern mit Bezug zur russischen und sowjetischen Geschichte in der Ukraine ermöglichte, erläuterte Chruschtschowa.

„Aber unter den gegenwärtigen Umständen sollte es kein Russe wagen, den Ukrainern vorzuschreiben, wie sie ihre Vergangenheit zu bewältigen oder ihre Zukunft zu gestalten haben“, betonte sie weiter.