Was wissen wir bisher über die Ereignisse an der polnisch-ukrainischen Grenze gestern?

GERALD KARNER: Was diesen Einschlag genau verursacht hat, wissen wir jetzt letztgültig immer noch nicht. Die Meldungen, wonach es sich allein um eine ukrainische Abwehrrakete gehandelt hätte, sind noch nicht zu 100 Prozent bestätigt. Fast alles, was bisher medial aufgetaucht ist, halte ich für Spekulation. Es ist jetzt wichtig, sich die Fakten vor Augen zu halten. Diese sind, dass gestern über 100 Marschflugkörper und Raketen auf die Ukraine, auch die Westukraine abgefeuert wurden und dass die Ukraine versucht hat, diese abzufangen. Der Angriff, der im Übrigen auf zivile Infrastruktur und sogar auf Wohnhäuser erfolgte, kam aus Russland und der Versuch, sie abzuwehren, kam aus der Ukraine. Also ohne russischen Beschuss gäbe es auch keine Abwehrraketen. 

Offensichtlich wurden auf polnischem Territorium Teile einer ukrainischen Fliegerabwehrlenkwaffe gefunden und es gibt massive Krater. Noch ein Faktum ist, dass Fliegerabwehrlenkwaffen, insbesondere solche mit schweren Gefechtsköpfen, einen Selbstzerstörungsmechanismus eingebaut haben. Für den Fall, dass sie ihr Ziel verfehlen, um nicht eigenes Territorium zu treffen. Es ist denkbar, dass der Selbstzerstörungsmechanismus versagt hat. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Urheberschaft jemals vollständig geklärt werden kann. 

Wie geht man weiter vor, um diese Frage zu beantworten?

Das ist schwierig. Man würde die Teile genau untersuchen, sollte es sich um einen 200-Kilogramm-Sprengkopf russischer Herkunft handeln, wäre es aber schon großer Zufall, da noch entsprechende Teile zu finden. Wenn die Sache aber politisch bereits befriedigend geklärt ist, wird man die forensischen Untersuchungen wohl nicht intensiv weiterverfolgen. Wenn es ein ukrainischer Sprengkopf war, muss es wohl der Versuch gewesen sein, einen russischen Marschflugkörper, der offensichtlich sehr eng an die polnische Grenze geflogen ist, abzufangen.

Militärexperte Gerald Karner
© Juergen Fuchs (FUCHS Juergen)

Welche Lehren ziehen Sie aus dem Zwischenfall?

Die Nervosität ist auf allen Seiten wahnsinnig groß. In derartigen Situationen muss man sich vor Missverständnissen hüten. Diesbezüglich muss es eine bessere Kommunikation geben – auch zwischen Russland und der Nato, die existiert derzeit so gut wie nicht. Aufgrund der Besonnenheit im Westen ist es zum Glück nicht dazu gekommen, dass der Bündnisfall ausgelöst wurde. Wer immer für die Explosion und die beiden Opfer verantwortlich ist, der Grund sind die russischen Angriffe auf die Westukraine, das ist für mich das Entscheidende.   

Wie kommt es sonst noch zu Irrläufern, etwa bei Marschflugkörpern?

Durch defekte Navigation, ausgelöst zum Beispiel durch einen Näherungstreffer einer Abwehrrakete, die nur den Antriebsbereich beschädigt. Dann könnte der noch intakte Gefechtskopf unkontrolliert und weit weg vom ursprünglichen Ziel einschlagen. Wir reden ja von großen Höhen, wo sich das abspielt. 

Kommen Irrläufer oft vor?

Ja, denken Sie etwa an die Drohne, die in Kroatien abgestürzt ist. Auch das war ein Navigationsproblem. Auch bei derartig hoch entwickelten Waffensystemen kommt es zu Fehlern, da gibt es eine Menge von Möglichkeiten, die gelegentlich eintreten. 

Wurde auf den Vorfall richtig reagiert?

Aus meiner Sicht, ja. Der Westen hat besonnen und richtig reagiert und in keiner Weise in aggressives Kriegsgeschrei eingestimmt, was man auch da und dort gehört hat. Man hat gesagt, wir analysieren das. Und man hat keiner Seite Absicht unterstellt. Man muss aber auch deutlich sagen, dass zwei Menschenleben zu beklagen sind, aufgrund von Kriegshandlungen in einem Land, das an diesen nicht beteiligt ist. Deswegen wird man Maßnahmen setzen, dass so etwas nicht mehr passiert. Ein lückenloser Schutz ist wegen der langen Grenze aber kaum möglich. Letztendlich geht es darum, die Kampfhandlungen einzustellen. Aber das wird so schnell leider nicht passieren.  

Könnte sich eine Rakete auch nach Österreich verirren?

Auch das ist nicht völlig auszuschließen. Siehe etwa diese Drohne in Kroatien, die hätte auch Österreich erreichen können. Ich gehe aber davon aus, dass die meisten Waffen uns wegen ihrer begrenzten Reichweite nicht erreichen können. Bei Navigationsproblemen bei Drohnen oder Marschflugkörpern sieht das anders aus. Alarmismus ist hier dennoch nicht angebracht. 

Ist Österreich auf diese Möglichkeit ausreichend vorbereitet?

Ein derartiger Marschflugkörper oder eine Drohne würde wohl vom Radar der Goldhaube erfasst. Dann würden Eurofighter aufsteigen und versuchen, das Objekt abzuschießen. Solche Dinge passieren aber nicht nur bei Tageslicht, wie wir am Dienstag gesehen haben. Da haben wir ein Problem, denn dafür sind die Eurofighter derzeit nicht ausgestattet.

Spricht der Vorfall für eine österreichische Teilnahme an dem geplanten EU-Luftabwehrsystem (Sky Shield)?

Absolut. Und auch für eine Aufstockung und Modernisierung unserer Abfangjägerflotte. Aber das kommt für den aktuellen Konflikt wahrscheinlich zu spät.