Das russische Außenministerium hat ein Einreiseverbot für den britischen Premierminister Boris Johnson erlassen. Auch Außenministerin Liz Truss, Verteidigungsminister Ben Wallace und zehn weitere britische Politiker dürften nicht mehr nach Russland einreisen, teilt das Ministerium in Moskau mit. In Kürze würden weitere Personen auf die Liste gesetzt.

Hintergrund der Maßnahme sei "das beispiellose unfreundliche Vorgehen der britischen Regierung, insbesondere die Verhängung von Sanktionen gegen hochrangige russische Vertreter".

Kiew unter Beschuss

Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist bei einem neuen russischen Angriff unter Beschuss geraten. Im Stadtteil Darnyzja gab es mehrere Explosionen, wie Bürgermeister Vitali Klitschko am Samstag mitteilte. Es gab zunächst keine Angaben zu möglichen Opfern. Russland sprach von der Zerstörung zweier Rüstungsbetriebe. Im Osten des Landes wurden ukrainischen Behörden zufolge mindestens zwei Zivilisten getötet und vier verletzt. Für Samstag wurden neun humanitäre Korridore vereinbart.

Seit der russischen Invasion vor rund sieben Wochen sind laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj 2500 bis 3000 ukrainische sowie 19.000 bis 20.000 russische Soldaten getötet worden. Überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

Rüstungsbetriebe zerstört

Russland zerstörte nach Angaben seines Verteidigungsministeriums zwei Rüstungsbetriebe. Es handle sich um ein Werk für gepanzerte Fahrzeuge in Kiew und eine Einrichtung für militärische Reparaturen in Mykolajiw. Zudem sei nahe der Stadt Isjum bei Charkiw ein ukrainisches Kampfflugzeug des Typs SU-25 abgeschossen worden. Über dem Gelände der Rüstungsfabrik in Kiew, das von zahlreichen Polizisten und Soldaten abgeriegelt wurde, stieg laut dem Bericht eines AFP-Korrespondenten Rauch auf. Das russische Verteidigungsministerium erklärte auf Telegram, bei dem Beschuss mit "hochpräzisen Langstreckenwaffen" seien Produktionsgebäude der Fabrik zerstört worden.

Russische Truppen hatten am Freitag bereits einen Rüstungskomplex nahe Kiew angegriffen, in dem laut der Website des staatlichen Rüstungskonzerns Ukroboronprom "Neptun"-Raketen hergestellt wurden. Der inzwischen gesunkene Raketenkreuzer "Moskwa", das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte, war laut einem Sprecher der ukrainischen Armee am Donnerstag von Raketen des Typs "Neptun" getroffen worden. Moskau bestätigte diese Angaben nicht und sprach lediglich von Explosionen und Feuer an Bord.

Vergeltung für Zerstörung der "Moskwa"

Die russischen Angriffe auf die Region Kiew hatten seit Ende März eigentlich abgenommen. Moskau kündigte damals an, seine Offensive auf den Osten der Ukraine konzentrieren zu wollen. Am Freitag drohte der Kreml jedoch, seine Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt wieder zu verstärken. Zuvor hatte er die Ukraine beschuldigt, russische Ortschaften nahe der Grenze zu bombardieren. Die Regierung in Kiew sieht die neuen russischen Angriffe in der Hauptstadt-Region als Vergeltungsversuch für die Zerstörung der "Moskwa" an.

Klitschko appellierte im Nachrichtenkanal Telegram an die Bevölkerung, Luftalarme der Behörden nicht zu ignorieren. In der ukrainischen Hauptstadt gibt es mehrmals täglich Luftalarm. Weil inzwischen auch Menschen, die vor den Angriffen geflüchtet waren, wieder nach Kiew zurückkehren, forderte der Bürgermeister, dies zu unterlassen und an sicheren Orten zu bleiben.

Neue Fluchtkorridore

Laut Vize-Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk sind für Samstag neun Fluchtkorridore vereinbart worden. Aus der belagerten Hafenstadt Mariupol im Süden sollten die Menschen versuchen, mit ihren eigenen Autos zu fliehen. Fünf Korridore seien für die Region Luhansk im Osten vorgesehen.

Selenskyj nannte auf CNN neben der Zahl von bis zu 3000 Gefallenen auch die Zahl von rund 10.000 verletzten Soldaten auf ukrainischer Seite. Die vom ukrainischen Präsidenten genannte Zahl von bis zu 20.000 getöteten russischen Soldaten weicht stark von russischen Angaben vom März ab, als von 1351 toten und 3825 verletzten Soldaten die Rede war.

Hilfsdienst-Mitglied getötet

Die Caritas berichtete von der Tötung eines weiteren lokalen Mitarbeiters der Hilfsorganisation. Der Mann sei am Gründonnerstag bei einem Raketenangriff in unmittelbarer Nähe eines von einem örtlichen sozialen Hilfsdienst und der Caritas betreuten Kinder- und Familienzentrums am Stadtrand von Charkiw getötet worden, teilte der Wiener Caritasdirektor Klaus Schwertner der Nachrichtenagentur Kathpress am Samstag mit. Während die drei Pflegefamilien mit 30 Kindern bereits zuvor in die Westukraine und nach Tschechien in Sicherheit gebracht wurden, sei der Mitarbeiter bis zuletzt als Wächter in dem kleinen Kinderdorf geblieben, schilderte Schwertner.

Die Lieferung von Hilfsgütern wird nach Einschätzung britischer Geheimdienste durch eine inzwischen weitreichende Zerstörung von Straßen, Brücken und anderer Infrastruktur erschwert. In einer Mitteilung des Verteidigungsministeriums in London hieß es, russische Truppen hätten bei ihrem Rückzug gezielt Brücken gesprengt, Fahrzeuge auf wichtigen Routen zurückgelassen und Landminen verstreut. In der Stadt Tschernihiw zum Beispiel gebe es nur noch eine einzige Fußgängerbrücke über den Fluss.

Die Regierung der Ukraine rechnet unterdessen mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr um 30 bis 50 Prozent. Das sagte Finanzminister Serhij Martschenko im Fernsehen.

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