Vor dem russisch-ukrainischen Treffen in Istanbul - dem ersten seit drei Jahren - gab es Hoffnung, dass ein Friede, oder zumindest eine Waffenruhe, näher rücken könnte. Knapp zwei Wochen später ist von dieser Hoffnung nicht mehr viel geblieben. Die Russen haben ihre Angriffe wieder intensiviert, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Wladimir Putin am Montag vor, eine neue Offensive vorzubereiten. Binnen drei Tagen seien ballistische Raketen, Marschflugkörper und mehr als 900 Drohnen auf Ziele in der Ukraine abgefeuert worden.
Selenskyj verlautbarte am Dienstag, die eigene Rüstungsindustrie weiter auszubauen, um der russischen Invasion standzuhalten. Vor allem Drohnen würden auf beiden Seiten eine immer wichtigere und größere Rolle einnehmen, erklärte Oberst Markus Reisner vom Bundesheer am Dienstagabend in der ZiB 2 im „ORF“: „Wir sehen, dass dieser Krieg mittlerweile auf drei Ebenen geführt wird.“
Auf der strategischen Ebene würde Russland durch die massiven Drohnenangriffe versuchen, den militärisch-industriellen Komplex zu zerstören, „ihr damit die Möglichkeit nehmen, einen langen Krieg zu führen“. Auf der operativen Ebene würden die Drohnen tief hinter die Front wirken und aufklären und auf „der taktisch-gefechtstechnischen Ebene sehen wir, dass die Angriffsdrohnen von beiden Seiten dafür sorgen, dass dieser Krieg genau diese Patt-Situation hat, die wir gerade erleben“.
In den vergangenen vier Jahren habe es laut Reisner eine enorme technische Evolution dieser Drohnen gegeben. In Russland erzeugen dreieinhalb Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter im Drei-Schicht-Betrieb Rüstungsgüter, erklärt Reisner. „Drohnen führen dazu, dass keine Seite sich bewegen kann. Das ist das Fatale“, führt er weiter aus. Drohnen wären in der Produktion sehr billig, darum könnten sie auch sowohl von Russland als auch von der Ukraine millionenfach produziert werden.
„Russland hat die besseren Verbündeten“
Der Ukrainekrieg habe sich laut Reisner in einen Abnützungskrieg entwickelt. Die Entscheidung, sofern am Verhandlungstisch kein Durchbruch gelingt, werden also nicht Geländegewinne bringen, sondern der Verbrauch an Ressourcen. „Russland hat es geschafft, mit Unterstützung durch China, aber auch Nordkorea und dem Iran, in den Städten den Zufluss von Material an die Front bewerkstelligen zu können. Das machte es Russland im Sommer letzten Jahres möglich, das Momentum zurückzugewinnen“, schildert der Militärexperte. Die Ukrainer hätten kaum mehr Soldaten zur Verfügung und auch wenn Russland scheinbar nur langsam vorankommt, kommen sie voran. „Eine wirkliche Veränderung wäre nur dann möglich, wenn dieser Vormarsch gestoppt werden könnte, wenn es zu einem Waffenstillstand käme oder die Russen zurückgehen. Dazu braucht es leider auch massive Angriffe auf die russische militärische Infrastruktur. Diese finden momentan aber nur vereinzelt statt“, erläutert Reisner.
„Die Ukraine hat bisher immer das bekommen, was sie gebraucht hat, um zu kämpfen, aber nie das, was sie gebraucht hätte, um zu siegen.“ Die USA wollen nicht, Europa kann nicht. „Russland hat die besseren Verbündeten“, stellt Reisner klar. Um Russland tatsächlich unter Druck zu setzen, müssten die wirkungsvollen Waffen - wie beispielsweise Marschflugkörper - in hoher Frequenz eingesetzt werden. Mehrmals täglich über zwei bis drei Wochen, um einen Abnützungseffekt zu erzielen. „Das passiert nicht, Russland kann sich immer wieder anpassen.“
Wie viel Risiko bergen Trumps verbale Attacken gegen Putin?
Die Kritik von US-Präsident Donald Trump an Putin wird indes lauter und schärfer. Am Wochenende bezeichnete er ihn als verrückt, am Dienstag warnte er ihn, dass er mit dem Feuer spiele. „Er ist tatsächlich der Königsmacher, der entscheidet, welcher Seite er folgt und auf welche er Druck ausübt. Hier sehen wir ein Hin und Her“, spricht Reisner eine der großen Herausforderungen mit dem US-Präsidenten an. Das würde es auch für die Ukraine schwierig machen. „Die gute Nachricht ist: Es gibt Geheimdiplomatie und Telefonate, in denen versucht wird, auszuschließen, dass es zu einer Eskalation kommt“, berichtet Reisner. Aber natürlich würde man sehen, dass sich die Situation immer weiter hochschaukelt.