Trotz des von Russland ausgesetzten Getreidelieferabkommens haben am Montag nach Angaben der Ukraine zwölf Schiffe von ihren Schwarzmeer-Häfen abgelegt. Das teilte das Infrastrukturministerium in Kiew mit. Russland sei über die Wiederaufnahme der Schiffslieferungen informiert worden. Ein Sprecher der Vereinten Nationen erklärte, dass die im Rahmen des Abkommens vereinbarten Inspektionen der Frachter wiederaufgenommen worden seien.

 354.500 Tonnen Agrarprodukten

Ein erstes Schiff habe bereits die Freigabe zur Weiterfahrt erhalten. Die Militärverwaltung der Hafenstadt Odessa teilte mit, an Bord der am Montag ausgelaufenen Frachter befinde sich eine Rekordmenge von 354.500 Tonnen Agrarprodukten.

Die Regierung in Moskau hatte am Wochenende überraschend ihre Teilnahme an dem von den Vereinten Nationen und der Türkei vermittelten Abkommen auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Die Vereinbarung soll trotz des tobenden Kriegs ukrainische Getreideausfuhren durch einen Schutzkorridor im Schwarzen Meer ermöglichen. Russland begründete sein Vorgehen mit einem Drohnenangriff am Samstag auf Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte nahe Sewastopol auf der Krim. Die Sicherheit des für die Getreidetransporte eingerichteten Korridors sei nicht mehr gewährleistet.

Die EU und die USA kritisierten die Entscheidung scharf. Die Ukraine warf Moskau vor, nur einen Vorwand für eine lange geplante Maßnahme gesucht zu haben. "Lebensmittel müssen fließen", erklärte der UNO-Koordinator für das Getreideabkommen, Amir Abdulla, am Montag auf Twitter. Zivile Frachtschiffe dürften niemals zu militärischen Zielen oder in Geiselhaft genommen werden.

Frankreichs Agrarminister Marc Fesneau sagte, sein Land prüfe, ob es möglich sei, Nahrungsmittel aus der Ukraine alternativ über Landstrecken exportieren zu können - etwa über Polen und Rumänien. Deutschlands Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) lobte am Montag die Bemühungen der Vereinten Nationen zur Rettung des internationalen Getreideabkommens und verurteilte die Abkehr Russlands von der Vereinbarung.

Enorm wichtig für den Weltmarkt

Die Ukraine und Russland zählen weltweit zu den größten Getreideexporteuren. Viele Entwicklungsländer sind von Lieferungen des Grundnahrungsmittels zu niedrigen Preisen abhängig. Das im Juli vermittelte Abkommen sollte den weltweiten Anstieg der Getreidepreise dämpfen. Seitdem wurden mehrere Millionen Tonnen Mais, Weizen, Sonnenblumenprodukte, Gerste, Raps und Soja aus der Ukraine exportiert.

Vertreter der UNO hatten sich noch am Mittwoch zuversichtlich gezeigt, dass die ursprünglich auf 120 Tage begrenzte Vereinbarung über Mitte November hinaus verlängert werden könne.