Als meine Großmutter Lilja ihren 16. Geburtstag feierte, begann der Zweite Weltkrieg. Das Gebiet des damals sowjetischen Belarus (Weißrussland) wurde vom faschistischen Nazi-Deutschland besetzt. Monatelang lebte sie unter der deutschen Okkupation. Danach wurde sie, gemeinsam mit meiner Mutter, in ein Arbeitslager nach Deutschland geschickt. Zum Glück kam sie lebend wieder heim, wie auch meine beiden Großväter von der Front. Doch meine Großeltern hatten die Verbrechen und das Grauen des Krieges miterlebt. Meine Kindheit war geprägt von den leider wahren Geschichten, die sie erzählten – über den Krieg, den Terror der Okkupation, Hunger, Entbehrung, Heldentaten und den tiefen Schmerz, den sie mit sich trugen, nachdem geliebte Familienmitglieder und Freunde getötet worden waren. Mein Großvater Petr arbeitete während des Krieges als Journalist und wurde später Schriftsteller. Alle seine Bücher handelten vom Krieg und davon, was die Bevölkerung der Sowjetunion durchmachte.

Belarus hatte unter dem Weltkrieg enorm gelitten. Das Land verlor beinahe jeden dritten seiner Einwohner und Einwohnerinnen. Kaum eine Familie verlor nicht mindestens ein Mitglied. Die Tragödien haben sich tief in die Erinnerung eingegraben und Generationen überdauert.
Niemals – niemals – hätte ich mir vorstellen können, dass 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Ukraine, unser Nachbarland, wieder Opfer eines Angriffskrieges werden könnte – diesmal einer Aggression Russlands; die Ukraine – jenes Land, das ganz entscheidend zum Sieg über Nazi-Deutschland beigetragen hatte und damals mehr als 6,5 Millionen Menschen verlor. Wir Belarussen haben viele Freunde und Verwandte in der Ukraine und auch in Russland.

Nichts – gar nichts – kann diesen Angriff auf ein Land rechtfertigen, das historisch und kulturell so nahe ist. Das ist unentschuldbar. In meinen ärgsten Albträumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dass jemand Menschen umbringt, deren Vorfahren gemeinsam gegen das unmenschlichste Regime in der Geschichte der Menschheit gekämpft haben. Am 24. Februar begann nun Russland den Krieg gegen die Ukraine. Belarussisches Staatsgebiet wurde benutzt, um die Ukraine vom Norden her anzugreifen. Belarussische Militärflughäfen und Schienen wurden von russischem Militär genutzt, Raketen auf unserem Gebiet stationiert, um damit ukrainische Städte anzugreifen.

Veronika Zepkalo schreibt über ihren Kampf gegen Diktator Lukaschenko.
© Scanpix (MADIS VELTMAN)

Oberflächlich betrachtet ist Belarus nun ein Aggressorland. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen Russland und Belarus. Lukaschenko hat kein Recht, das belarussische Volk zu vertreten. Er hat die Wahlen verloren und hält sich mit Lügen, Gewalt, Folterungen und Morden an der Macht. Ohne die Unterstützung des Kremls würden die politischen Gefangenen freigelassen, es würden neue Wahlen stattfinden. Das Belarus von heute wäre ein demokratisches Land. Putin jedoch hatte seine eigenen Pläne mit Belarus. Er wollte die Reaktion des Westens testen. Er gab Lukaschenko 1,5 Milliarden Dollar, um sein Interesse an Belarus zu demonstrieren. Die EU reagierte und gab der belarussischen Zivilgesellschaft „als Gegengewicht“ 53 Millionen Euro.


Dann kam die Beschlagnahmung eines zivilen Flugzeugs der Ryanair und die Festnahme des belarussischen Bloggers Protassewitschs. Anstatt gegen Lukaschenko ein Strafverfahren wegen Terrorismus einzuleiten und eine Belohnung für die Festnahme eines internationalen Verbrechers auszusetzen, beendete der Westen mit einem Flugembargo die Möglichkeit für einfache belarussische Bürger, nach Europa zu fliegen. Dies veranlasste den belarussischen Hochstapler, eine Flüchtlingskrise zu inszenieren, die offenbar im Kreml ihren Ursprung hat. Und die Reaktion folgte. Anstatt harte Sanktionen gegen jene Industrien zu verhängen, die das kriminelle Regime in Minsk ernähren, rief Angela Merkel bei Lukaschenko an.

Putins Test ging auf

Für Putin war klar – erstens: Der Westen hat die russische Einflusssphäre auf Belarus anerkannt. Die Annexion eines Teils Georgiens 2008 wurde geschluckt, die Annexion der Krim 2014 ebenfalls, wie auch der von Russland unterstützte Staatsstreich in Belarus 2020. Darauf folgt, zweitens: Der Westen kümmert sich nicht um Belarus – was bedeutet, dass er sich auch nicht um die Ukraine kümmern wird. Und möglicherweise auch nicht um die baltischen Staaten. Auf die 1,5-Milliarden-Dollar-Wette des Kremls reagierte der Westen im Wesentlichen mit einem „Ausdruck tiefer Besorgnis“. Das Schicksal der Ukraine war besiegelt.

In den letzten zwei Jahren wurden die Belarussen gleich zweimal zu Ausgestoßenen: zuerst, als wir Lukaschenko bekämpften und gezwungen wurden, unser Land zu verlassen. Und jetzt wurden wir zu Bürgern des Aggressorlandes; wir werden für den Krieg verantwortlich gemacht, den wir nie wollten. Trotz aller Zwänge haben die Belarussen aber nicht aufgehört zu kämpfen. Vom ersten Tag an leisteten wir dem ukrainischen Volk Hilfe und Unterstützung. Tapfere Belarussen haben Bataillone gebildet und kämpfen für die Ukraine; wir arbeiten ehrenamtlich in Flüchtlingsbetreuung, sammeln humanitäre Hilfe, teilen unsere Häuser und vieles mehr. Wir wissen: Ein Nachbar sollte einen Nachbarn in Not nie ohne Hilfe lassen. So wie unsere Großeltern einander beigestanden haben, tun wir es mit den Ukrainern und Ukrainerinnen – Schulter an Schulter, bis zum Tag des Sieges.