Die Zelte stehen. Feldbetten für rund 5000 Menschen gibt es im provisorischen Lager Kara Tepe am Stadtrand von Mytilini auf Lesbos. Aber die meisten der 12.500 Migranten, die vergangene Woche bei den Bränden im Lager Moria ihre Unterkünfte verloren, zögern und ziehen erst allmählich in das neue Camp ein. Viele sitzen seit Jahren auf Lesbos fest. Sie hatten gehofft, mit der Feuerkatastrophe würde sich für sie der Weg aufs griechische Festland und nach Europa öffnen.

Das war wohl auch das Kalkül der Brandstifter, die allem Anschein nach das Lager abfackelten. Am Dienstag nahm die Polizei im Zusammenhang mit dem Brand sechs junge Männer fest. Es handelt sich laut Behörden um afghanische Migranten. Nach einem weiteren Tatverdächtigen fahndet die Polizei noch. Alle sechs hatten auf Lesbos Asylanträge gestellt, die jedoch abgelehnt wurden. Die mutmaßlichen Brandstifter konnten nach Angaben aus Polizeikreisen durch Aussagen von Augenzeugen und anhand von Handy-Videos identifiziert werden.



Jetzt fürchten viele Migranten, dass sie in dem neuen Lager auf Lesbos auf unabsehbare Zeit festgehalten werden. Tausende campieren deshalb seit einer Woche auf Feldern, Straßen und Parkplätzen am Stadtrand von Mytilini. Etwa ein Drittel der Migranten von Moria ist jünger als 18 Jahre. Von ihnen wiederum sind rund 400 unbegleitete Minderjährige.

Die griechische Regierung macht Druck. Migrationsminister Notis Mitarakis: „Die Umsiedlung in das neue Lager ist nicht freiwillig, sondern Pflicht. Wer in unser Land kommt, muss sich an unsere Gesetze halten.“ Notfalls werde die Polizei die Migranten mit Zwang in das Lager bringen. Auch Michalis Chrysochoidis, Minister für Bürgerschutz, warnt die Migranten: Nur wer ins neue Lager ziehe, könne damit rechnen, dass sein Asylantrag bearbeitet wird. Abzuwarten bleibt, ob das jene militanten afghanischen Migranten schreckt, die jetzt Stimmung gegen den Umzug in das neue Lager machen. Ihre Asylanträge wurden in den meisten Fällen bereits abgewiesen.

Die Regierung fürchtet einen Kontrollverlust. Wenn man jetzt Migranten in größerer Zahl von der Insel aufs Festland reisen lasse, würden bald andere Inselcamps der „Taktik von Moria“ folgen, warnt Manos Logothetis, der Asylbeauftragte des Migrationsministeriums. Die Regierung fürchtet auch, dass Umsiedlungen aufs Festland jetzt neue Migranten ermuntern könnten, von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln überzusetzen. Die Zahlen waren in diesem Jahr um zwei Drittel zurückgegangen. Kommt es zu einem neuen Anstieg, würden alle Bemühungen um eine Begrenzung der Flüchtlingsströme zunichte gemacht, meint Logothetis.

Nach den Regeln des EU-Flüchtlingspakts sollen die Geflüchteten so lange auf den griechischen Inseln bleiben, bis über ihre Asylanträge entschieden ist. Ausnahmen wollen die Behörden nur für besonders schutzbedürftige Familien und unbegleitete Minderjährige machen. Sie durften schon in der Vergangenheit die Inseln verlassen. Seit Beginn des Jahres haben im Rahmen dieser Regelung bereits 13.278 Menschen Lesbos verlassen. „Weitere 2000 werden in den nächsten Tagen folgen“, kündigte Chrysochoidis an. Auch die Asylverfahren will die Regierung beschleunigen. Sie zogen sich früher über Jahre hin. Bürgerschutzminister Chrysochoidis sagte im Rundfunksender „Skai“, bis Ostern würden alle anhängigen Verfahren auf Lesbos abgeschlossen.

Neuankömmlinge aus der Türkei sollen künftig auf Lesbos und den anderen vier Inseln Chios, Samos, Kos und Leros in geschlossenen Lagern untergebracht werden. Auf Lesbos könnte ein solches Lager auf dem Gelände des abgebrannten Camps Moria oder auf einem Grundstück im Westen der Insel gebaut werden. Es gibt Überlegungen, dieses Lager in Zusammenarbeit mit EU-Behörden zu bauen und zu führen.
Die Bevölkerung von Lesbos sträubt sich aber gegen ein neues Lager. Sie fordert, alle Migranten von der Insel aufs Festland oder in andere europäische Länder zu verlegen.