Die Sorge der Bundesregierung vor einer neuen Balkanroute oder gar der Wiederholung eines Szenarios wie 2015/2016 ist laut Peter van der Auweraert, Regionalkoordinator für die Westbalkan-Staaten der Internationalen Organisation für Migration (IOM), nicht gerechtfertigt. Zwar gebe es vermehrt Ankünfte in Bosnien, dabei handle sich aber nicht ausschließlich um "neue Leute", so der Experte.

Bosnien verzeichnete laut IOM seit Jänner rund 5.000 Ankünfte, im Vorjahr nur 800. "Das ist definitiv ein großer Anstieg", erklärt Van der Auweraert im Gespräch mit der APA. Aber: Ein Großteil jener, die nach Bosnien-Herzegowina kommen, hielte sich davor bereits in Serbien, ein kleinerer Teil auch in Griechenland, auf - ist also bereits seit Monaten, wenn nicht Jahren auf der Flucht.

Laut Van der Auweraert, der auch das Büro der UNO-Organisation in Bosnien-Herzegowina leitet, gibt es derzeit zwei Routen nach Bosnien - über Griechenland, Albanien und Montenegro oder über Serbien, wobei 70 Prozent der Neuankommenden über die zweite Route, also Serbien, einreisen. Ein Großteil davon wiederum würde sich bereits seit geraumer Zeit auf serbischem Boden befinden, nun aber aufgrund einer Gesetzesänderung in das Nachbarland weiterziehen. Demnach müssen alle Migranten, die sich auf serbischem Boden aufhalten, einen Asylantrag stellen, wohingegen sie zuvor "toleriert" wurden, beschreibt Van der Auweraert.

Eine weitere, kleinere Gruppe - "und die ist wirklich neu", betont der Experte - komme aus dem Iran, und zwar über neue Direktflüge von Teheran nach Belgrad. Auch sie würde versuchen, via Bosnien gen Norden weiterzuziehen.

Afrikaner "testeten" Route im Vorjahr

Nur 30 Prozent der Ankünfte in Bosnien erfolgen nach Van der Auweraerts Worten über die Route Griechenland-Albanien-Montenegro. Diese sei Ende November vergangenen Jahres erstmals "getestet" worden, hauptsächlich von jungen Afrikanern, die sich zuvor in Griechenland aufgehalten hatten. Als bekannt wurde, dass diese Route funktioniere, seien auch die Schmuggler gefolgt.

Hauptfaktor für Migranten, nach Bosnien zu kommen, ist laut dem IOM-Balkanexperten die Tatsache, dass es weiterhin möglich ist, von dort aus die bosnisch-kroatische Grenze zu überqueren. Nachdem die bosnischen Behörden jedoch erst Mitte Mai einen "drastisch verstärkten Grenzschutz" ankündigten, könnte sich auch dies bald ändern. "Bis sich das wirklich in den Zahlen niederschlägt, rechnen wir aber weiterhin mit rund 400 Ankünften pro Woche", teilte Van der Auweraert mit.

Die Zusammenarbeit zwischen den Balkanländern und der EU funktioniere derzeit zwar ganz gut - insbesondere mit Mazedonien und Serbien, dennoch gebe es Raum für Verbesserung. "Wenn sich die Routen ändern, muss sich auch der Fokus ändern", so Van der Auweraert. In Bosnien gehe es um die Unterstützung beim Aufbau einer Infrastruktur zur Versorgung der Asylsuchenden - von Registrierung über Unterkunftsmöglichkeiten bis hin zu medizinischer Versorgung, aber auch beim Grenzschutz. Insgesamt müsse sich die EU aber auch vermehrt für Rücknahmeabkommen mit den Herkunftsländern der Migranten einsetzen. Bilaterale Abkommen mit allen Staaten auszuverhandeln sei vor allem für kleine Länder wie Bosnien oder Serbien zu aufwendig.