Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat eine kurzzeitige Waffenruhe anlässlich des orthodoxen Osterfests begonnen. Der russische Präsident Wladimir Putin setzte sie für insgesamt 32 Stunden an - und zwar von Samstagnachmittag 16.00 Uhr Ortszeit (15.00 Uhr MESZ) bis Mitternacht am Sonntag (23.00 Uhr MESZ), damit die Christen in der Ukraine und Russland das orthodoxe Osterfest feiern können. Unmittelbar nach dem Start der Feuerpause gab es keine Klagen über Verstöße.

Traditionell sorgt eine Waffenruhe für Misstrauen auf beiden Seiten, weil sich die Kriegsparteien immer wieder vorwerfen, diese Phasen für die Neuaufstellung von Truppen und Aufmunitionierung zu nutzen. Der ukrainische Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj teilte nach einem Frontbesuch und wenige Stunden vor Beginn der Waffenruhe mit, er habe angewiesen, „unsere Einheiten besser mit Munition, Drohnen und anderen materiellen und technischen Mitteln zu versorgen“.

Vor Inkrafttreten der Feuerpause warnten beide Seiten vor Verstößen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj teilte bei Telegram mit, er und Syrskyj hätten die Bedingungen festgelegt für ukrainische Reaktionen auf eine etwaige Verletzung der Feuerpause. „Solange es keine russischen Angriffe in der Luft, zu Lande oder auf See gibt, wird es auch keine Reaktionen unsererseits geben.“ Auch Moskau hat angekündigt, auf mögliche Verstöße von Kiews Truppen zu reagieren. Bei vergangenen Feuerpausen hatten beide Kriegsparteien immer wieder Verstöße beklagt.

Im Rahmen der Osterfeierlichkeiten machten indes ukrainische Kirchenführer Hoffnung auf einen Sieg über Russland. Kiews griechisch-katholischer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk erklärte in seiner Osterbotschaft laut Kathpress, der himmlische Glanz der Ostersonne trage das „Versprechen des Sieges“ in sich. Auch der leitende Metropolit der Orthodoxen Kirche der Ukraine, Epiphanius, bedankte sich in seiner Osterbotschaft bei den Verteidigern des Landes. Er bitte Gott um Schutz für die ukrainischen Soldaten und um einen „gesegneten Sieg“ über den Angreifer.

Vorschlag für dauerhaften Waffenstillstand

Selenskyj erneuerte seinen Vorschlag, aus der Waffenruhe einen dauerhaften Waffenstillstand zu machen. „Ein Waffenstillstand zu Ostern könnte auch der Beginn einer echten Bewegung in Richtung Frieden sein - von unserer Seite liegt ein entsprechender Vorschlag vor“, sagte er. Die Initiative für eine Verlängerung der Waffenruhe sei der russischen Seite übergeben worden, sagte er.

Kremlsprecher Dmitri Peskow hatte bereits am Freitag erklärt, dass die Kampfhandlungen nach Ablauf um Mitternacht am Sonntag wieder aufgenommen würden, wenn Selenskyj keine Entscheidung treffe, sich auf die russischen Bedingungen für einen Frieden einzulassen. Er meint damit, dass Kiew seine Truppen aus dem ostukrainischen Gebiet Donbass abziehen soll. Moskau kontrolliert bisher den größten Teil des Gebiets, verlangt aber für ein Kriegsende auch die letzten Kilometer inklusive der für Kiew strategisch wichtigen Städte Kramatorsk und Slowjansk. Selenskyj lehnt solche Gebietsabtretungen als Geschenk an die russischen Besatzer kategorisch ab.

Indes kam es unter Vermittlung der Vereinigten Arabischen Emirate am Samstag zu einem Gefangenenaustausch zwischen Kiew und Moskau. Beide Seiten bestätigten die Rückkehr von je 175 Kriegsgefangenen und 7 Zivilisten. Russland und die Ukraine haben bereits wiederholt Kriegsgefangene ausgetauscht, zuletzt im März.

Kurz vor Waffenruhe vier Tote

Der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform zufolge habe Russland am Samstag 50 Angriffe auf ukrainische Ziele verübt. Den heftigsten Beschuss erlebten die Städte Kostjantyniwka und Pokrowsk in der Oblast Donezk. Kurz vor der geplanten Waffenruhe wurden ukrainischen Behörden zufolge in Odessa am Schwarzen Meer mindestens zwei Menschen getötet. Bei den Toten handle es sich um eine 38 Jahre alte Frau und einen 32 Jahre alten Mann, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Es habe auch Verletzte, Schäden an zahlreichen Wohnhäusern und an einem Kindergarten gegeben, teilte die Verwaltung der Stadt mit.

In der Stadt Poltawa habe ein „feindlicher Drohnenangriff“ ein Geschäft und ein Café getroffen, erklärte die regionale Militärverwaltung. Dabei sei ein Mensch getötet worden, ein weiterer Mensch sei verletzt worden. In der nordöstlichen Region Sumy trafen russische Drohnenangriffe laut der regionalen Militärverwaltung mehrere Wohngebiete. Dabei wurden 14 Menschen verletzt, unter ihnen ein 14-Jähriger und eine 87-Jährige.

Die zentralukrainische Region Dnipropetrowsk habe seit Freitagabend mindestens zehn russische Drohnen- und Artillerieangriffe erlebt. Das berichtet Oleksandr Hanzha, Leiter der regionalen Militärverwaltung. Laut seinen Angaben auf Telegram wurden die Städte Nikopol, Pokrowsk und Marhanez getroffen. Dabei starb ein 67-jähriger Lkw-Fahrer in Nikopol. Die Angriffe lösten ein Feuer aus und beschädigten eine Fabrik, ein Hochhaus und ein Geschäft. In der Stadt Synelnykowe sollen eine Infrastruktureinrichtung und ein privates Haus getroffen worden sein. Verletzte soll es keine geben.

Das russische Verteidigungsministerium sprach Samstag früh von 99 abgeschossenen ukrainischen Drohnen. Zu Treffern oder Schäden machte das Ministerium keine Angaben. In der Stadt Krymsk in der südrussischen Oblast Krasnodar ist der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform zufolge in der Nacht von Freitag auf Samstag auf dem Gelände eines Öldepots ein Feuer ausgebrochen. Auslöser des Feuers waren abstürzende Drohnenteile auf dem Gelände. Der Brand sei bis zum Morgen gelöscht worden, teilten die örtlichen Behörden mit. Verletzte gebe es nicht.